
Siegen, 09.02.2009 11:00 Uhr
Einmal im Jahr trifft sich alles, was in der Sauer-und Siegerländer Wirtschaft Rang und Namen hat, im Leonhard-Gläser-Saal der Siegerlandhalle — beim Jahresempfang der IHK Siegen. Im Mittelpunkt des Programms steht stets ein hochkarätiger Gast — nach den Ministerpräsidenten Kurt Beck und Roland Koch in Vorjahren gelang es diesmal IHK-Präsident Klaus Vetter und seinem Team, keinen geringeren als den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Dr. Jürgen Rüttgers als Redner zu gewinnen.
Gleich zu Beginn eine Überraschung: Hinter dem ersten Programmpunkt "Ernste Zeiten — trübe Aussichten" verbarg sich nicht etwa eine nüchterne Bilanz der derzeitigen wirtschaftlichen Großwetterlage, sondern eine kurzweilige und humorvolle Einlage des Frankfurter KaHouse-Business-Theaters. Für die Kunst galten schon immer besondere Regeln, und erst recht in solchen Zeiten: Und so geriet die Kurzvorstellung zur gnadenlosen, humoristischen Abrechnung mit der Welt des "Turbo-Kapitalismus", den international agierenden Großbanken und der Politik.
In seiner anschließenden Begrüßungsansprache griff IHK-Präsident Klaus Vetter die kabarettistische Steilvorlage auf: "Manche Dinge fallen mit Humor leichter". Hohe Auftragsbestände, lange Lieferzeiten sowie ausufernde Energie- und Materialpreise waren beim Amtsantritt des IHK-Präsidenten im vergangenen Jahr die Hauptnöte der Unternehmen. Die Krise war noch weit entfernt. Vetter: "Dass die weltweite Finanzkrise wie ein Tsunami auf die Wirtschaft zurollt, damit hat in diesem Ausmaß niemand gerechnet." Es sei einfach unglaublich, was sich die internationale Finanzwirtschaft erlaubt habe: "Mit der Sorgfalt eines ehrbaren Kaufmanns oder gar mit Basel 2 hat das wirklich nichts mehr zu tun", konstatierte Vetter, die Unternehmer im Saal unterstrichen diese Aussage mit kräftigem Beifall.
Der IHK-Präsident zeigte sich zuversichtlich, dass "unsere mittelständische Region" auf der Basis von äußerst gesunden Strukturen die vor ihr liegenden Herausforderungen mutig und mit Zuversicht angehen kann. Gewandt an den Landesvater, machte der IHK-Obere deutlich, was die Region von der NRW-Politik erwartet: Vernünftige Straßen, "damit wir nicht im wahrsten Sinne des Wortes in den Schlaglöchern stecken bleiben." Vetter bedankte sich im Namen der heimischen Wirtschaft dafür, dass das Land voll hinter dem Ausbau der leistungsfähigen Fernstraße von Kreuztal nach Hattenbach stehe.
"Ich habe Ihnen gerne zugehört. Wenn ich es richtig verstanden habe, wollte keiner was von mir. Und das ist selten", scherzte Ministerpräsident Rüttgers, der sich erst einmal bei den Unternehmern im "industriellen Schwerpunkt unseres Landes — auch wenn viele glauben, der wäre woanders" für ihr Engagement vor allem im Ausbildungsbereich bedankte. Der Landeschef machte kein Hehl daraus, dass er die aktuelle Debatte um die Wirtschaftskrise und die andauernden Unternehmerbeschimpfungen nicht mehr ertragen kann: "Es gibt Gründe für die derzeitige Situation und sicher auch Fehlverhalten Einzelner, es ist aber nicht wahr, dass die Unternehmer versagt haben." Ganz im Gegenteil: In den vergangenen zehn Jahren sei es den Unternehmen gelungen, Wirtschaft neu zu erfinden und sich hervorragend auf die Bedingungen einer globalisierten, sozialen Marktwirtschaft einzustellen. Rüttgers warnte davor, "mit Freude an der Katastrophe in eine kollektive Depression zu verfallen." Die Ausgangslage, um mit der Situation fertig zu werden, sei gut. Rüttgers verteidigte die Konjunkturpakte I und II: Dem schnellen und beherzten Eingreifen der Politik sei es zu verdanken, dass das Finanzsystem nicht kollabiert ist. Mit dem Maßnahmenpaket II würden 50 Millionen Euro in den kommenden zwei Jahren alleine in Bildung und Infrastruktur im Gebiet der IHK Siegen investiert. Rüttgers: "In der Region eingesetztes Geld hilft am schnellsten und meisten". Und auch der Wirtschaftsfond für Deutschland, den er mit auf den Weg gebracht habe, sei unbedingt erforderlich. Die Eliten des Landes müssten jetzt eng zusammen arbeiten, damit Führung entstehe und neue Spielregeln für die Weltwirtschaft und Finanzmärkte definiert würden. Rüttgers: "Das ist keine normale Wirtschaftskrise, sondern eine Systemkrise! Deshalb brauchen wir klare und bessere Regeln." Seine Botschaft an die Unternehmer: "Unser Land ist stark. Deshalb werden wir die Krise meistern!"
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