Sauerland, 30.04.2010 12:01 Uhr (lenneper)
Brilon/Hochsauerland.
Als Schritt in die richtige Richtung wertete Alexandra Becker, Vorsitzende des Vereins der Adoptiv- und Pflegefamilien im Hochsauerland, den Fragebogen, den das Kreisjugendamt des HSK kürzlich an über 75 Pflegeeltern aus seinem Einzugsgebiet verschickt hat. Darin wird erstmalig über die Absichten des Vereins informiert und gleichzeitig der Bedarf an allgemeinen Fachtagungen überprüft.
Eben diese Fachtagungen sind es nämlich, die auf der Prioritätenliste des Briloner Zusammeschlusses ganz oben stehen. Verbindliche Einführungs- und Fortbildungsseminare seien unerlässlich, um werdende Pflegeeltern bestmöglich zu schulen und qualifiziert auf ihre kommenden Aufgaben vorzubereiten, so die einhellige Meinung der Vereinsvertreter.
Es ist Fakt, dass derartige Schulungen in den Nachbarkreisen wie dem Märkischen Kreis, Menden oder Paderborn geradezu selbstverständlich sind.

Das Kreisjugendamt in Meschede allerdings verfolgt eine andere Strategie, wie Jugendamtsleiter Bernd Wagner schon vor einigen Wochen gegenüber unserer Zeitung bestätigte: „Vorbereitungskurse in der Form, wie sie der Verein der Adoptiv- und Pflegefamilien fordert, sind in unserem Konzept nicht vorgesehen.“ Vielmehr gehe es dem Kreisjugendamt darum, die Familien persönlich in Form von Hausbesuchen und Beratungsgesprächen aufzusuchen und zu begleiten.
Doch gerade auch bei dieser persönlichen Beratung macht die Pflegeelternvereinigung erhebliche Mängel aus. Ganz gleich, ob bei den Vorinformationen über das aufzunehmende Pflegekind (genetische Defekte, erblich bedingte Krankheiten etc.), die Aufklärung über mögliche rechtliche Hilfen (Einordnung der Pflegestufe, Vormundschaftsrecht) oder Entlastungsangebote an den Wochenenden und fachlichen Rat in Krisensituationen (Notrufnummer); in allen Punkten werde nur unzureichend informiert.
„Man beißt sich da irgendwie alleine durch“, fasst Alexandra Becker zusammen und erhält Rückendeckung von einigen Pflegeeltern, die gegenüber der Presse ihre Erfahrungen dargelegt haben, aber lieber anonym bleiben möchten.
Während sich die einzelnen dargestellten Fälle in ihrer Brisanz teils erheblich voneinander unterschieden, so war ihnen allen doch eins gemeinsam: das Gefühl der Erziehungsberechtigten, mit ihren Problemen vom Jugendamt im Stich gelassen worden zu sein. Eine Pflegemutter sagte diesbezüglich sogar: „Jeden Stein, den sie finden konnten, haben sie uns in den Weg geworfen“.
Dass das Jugendamt dennoch nicht der Alleinschuldige ist, räumen auch die Vereinsvertreter ein. Alexandra Becker kritisiert ausdrücklich die Tatsache, dass keine einheitlichen Handhabungen in den unterschiedlichen Behörden herrschen. Jedes Jugendamt koche sein eigenes Süppchen, da sei eine Konsensfindung schwierig.
Ebenfalls äußerte der Verein in Person von Beisitzerin Stephanie Gehling Verständnis dafür, dass dem Jugendamt zum Teil die Hände gebunden sind, was vor allem die Vorkenntnisse über ein Pflegekind angeht, da sie häufig selbst nur mangelnd von den leiblichen Eltern informiert werden.
Mit dem eingangs erwähnten Fragebogen hat das Jugendamt nun zwar einen Schritt auf den Verein zugemacht, dennoch gäbe es nach wie vor „erheblichen Verbesserungsbedarf“ in der Zusammenarbeit zwischen Pflegeelternverein und Kreisjugendamt.
Um diese angespannte Situation zu entzerren, bemüht sich der Verein nun darum, einen großen runden Tisch zu organisieren, in dem alle Probleme offen angesprochen werden können. Dabei soll ein neutraler Mediator die Sitzung moderieren, um möglicherweise vorhandene persönliche Ressentiments außen vor zu lassen und eine sachbezogene und konstruktive Diskussion zu entwickeln. Wie ambitioniert und konkret dieses Vorhaben ist, beweist das Schreiben, das die Vorsitzende Alexandra Becker bereits an 63 Adressaten aufgesetzt hat. Unter ihnen neben Pressevertretern, Mitarbeitern des Kreisjugendamtes, dem Jugendhilfeausschuss und den Bürgermeistern auch an Kreisdirektor Winfried Stork und Landrat Dr. Karl Schneider.
Wer mehr über den Pflegeelternverein wissen will, kann sich ím Internet auf www.ap-eltern.de oder direkt bei Alexandra Becker unter Telefon 0 29 61/98 98 99 (per Mail: pflegeeltern-hsk@gmx.de) informieren.
Was denken Sie, liebe Leser des SauerlandKurier: Müssen Pflegeeltern in eigenen Vorbereitungskursen auf ihre Aufgabe systematisch vorbereitet werden oder ist eine intensive persönliche Betreuung in jedem Fall ausreichend?
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