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ANGEBLICHER MILLIONENERBE FOPPT ALLE

Franzosen nehmen Fort Fun zurück

Bestwig, 01.02.2012 10:41 Uhr

Mit seiner Biografie und Creditre­form-Auskunft hätte er nicht einmal einen Handy­ver­trag bekommen. Statt­dessen langte Matthäus Ziegler, Nach­komme einer baden-würt­tem­ber­gi­schen Edel­bren­ner-Dynastie, voll zu und erfüllte sich kurz vor Weih­nachten den ulti­ma­tiven Lebens­traum: Er kaufte für einen schlappen sieben­stel­ligen Betrag mit dem Fort Fun Aben­teu­er­land in Bestwig gleich einen kompletten Frei­zeit­park – und hielt über vier Wochen hinweg eine gesamte Region zum Narren. Seit Freitag sitzt der vermeint­liche Millio­ne­nerbe in U-Haft, gestern Nach­mittag wurde der Verkauf rück­gängig gemacht.

Eine geschliffene Rhetorik und weltmännisches Auftreten – der Hochstapler Felix Krull hätte seine Freude an dem Baden-Württemberger gehabt, der es immer wieder schafft, sich das Vertrauen von anderen zu erschleichen. Das aber auch dank seines Namens, denn Zieglers Nr. 1 hat es als Kirschbrand zu Weltruhm gebracht, wird von Fluglinien und der gehobenen Gastronomie als Spezialität kredenzt.
Der Edelschnaps-Prinz verspricht viel
Von diesem Erfolg will sich Matthäus Ziegler seit Jahren eine Scheibe abschneiden. Immer wieder blendet er damit, dass sein Vater der mit den Edelobstbränden sei und ihm nach seinem Tod ein Millionenvermögen hinterlassen habe. In die Karten spielt dem Spross der Brenner-Dynastie dabei, dass das Unternehmen noch heute als GmbH den Namen der Gründer trägt, wovon zumindest einer den gleichen Vornamen hat. Und so schaute man anscheinend nicht weiter genau hin, als der vermeintliche Edelschnaps-Prinz Ende vergangenen Jahres bei der Compagnie des Alpes, die europaweit mehrere große Skigebiete und Freizeitparks betreibt, in Frankreich anklopfte, um das Fort Fun Abenteuerland zu kaufen.
Kaum war der Deal unter Dach und Fach, versprach Ziegler, den Freizeitpark innerhalb weniger Jahre zu einer internationalen Tourismus-Destination auszubauen. Jeweils zweistellige Millionen-Beträge wollte er im Jahr investieren. Den Bestwigern verspricht er auf dem Neujahrsempfang freien Eintritt für die kommende Saison.

Die Region jubelt

Die Region jubelt, endlich einer, der was tut, um den Tourismus auf Hochtouren zu bringen.
Was Matthäus Ziegler jedoch verschwieg: Die Familie hat schon lange nichts mehr mit der Nr. 1 zu tun. Sein Vater musste 1992, nachdem das damals tatsächlich vorhandene Millionenvermögen durchgebracht worden war, an einen Konzern verkaufen. Er verfiel dem Alkohol und lebte bis zu seinem Tod von den Almosen anderer.
Matthäus Ziegler leistete beim Kauf des Fort Fun Abenteuerlandes lediglich eine kleine Anzahlung. Der Rest sollte folgen, Sicherheiten einer Bank wurden vorgelegt. Doch die waren gefälscht, das Kreditinstitut erstattete Anzeige. Am Freitagabend wurden die Geschäftsräume in Bestwig durchsucht und Matthäus Ziegler festgenommen.
Somit ist der Traum dahin, dass die One World Group, so nannte Ziegler hochtrabend sein Firmenimperium rund um „Ziegler international“, das nur auf dem Papier und einigen inhaltlosen Internetauftritten besteht, im Sauerland mit Millioneninvestitionen für eine bessere (Tourismus-)Welt sorgt und die heimische Wirtschaft anheizt.
Recherchen im Vorfeld hätten die peinliche Millionenpleite verhindern können. So wäre zum Beispiel ein Anruf bei der Edelbrennerei Ziegler oder ein Blick in die Unterlagen von Creditreform ausreichend gewesen, wo neben einem dicken Ausrufezeichen der Vermerk „Es liegen Informationen zu Insolvenzverfahren vor“ zu finden ist.
Und Matthäus Ziegler ist auch ansonsten kein unbeschriebenes Blatt. Zunächst startete er eine Musikkarriere, dann wollte er eine Großraumdisco in Wörth zum Nobelschuppen umbauen. Aus den Projekten wurde nichts, Handwerker blieben auf Material- und Lohnkosten sitzen. 2010 wird der Möchtegern-Millionär dann rechtskräftig in Aschaffenburg verurteilt, weil er sich mit gefälschten Arztrechnungen, Rezepten sowie Überweisungsträgern etwa 300.000 Euro ergaunert hatte. Eigentlich müsste der Felix Krull des Sauerlandes noch hinter Schloss und Riegel sitzen, doch die Strafe wurde aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend ausgesetzt.
In Freiheit, getreu dem Motto „Die Katze lässt das Mausen nicht“, bereitete Matthäus Ziegler den nächsten Coup vor. Diesmal wollte er das Freizeitland in Geiselwind kaufen. Als daraus aus formalen Gründen nichts wurde, fädelte er schließlich den Millionendeal im Sauerland ein.
Die Mitarbeiter des Fort Fun Abenteuerlandes können indes aufatmen: Die Compagnie des Alpes teilte gestern Nachmittag mit, dass der Kaufvertrag rückgängig gemacht wurde und sie die Regie im Fort Fun Abenteuerland wieder übernehmen wird.

Von Torsten Eric Sendler

 

Kommentar
Die aktuellen Vorgänge um Fort Fun wecken Erinnerungen in der Gemeinde Bestwig, die lange zurückliegen, aber doch Parallelen aufweisen. Es war um 1850. Damals hießen die handelnden Personen nicht Matthäus Ziegler, sondern Andreas Köchlin bzw. Henry Marquis de Sassenay. Sie hatten mit der Stolberger Gesellschaft die Ramsbecker Gruben gekauft und wollten das größte Industriezentrum Europas schaffen. Unmengen an Silber hatten aber nur die beiden gesehen. Die Ergiebigkeit der Ramsbecker Gruben wurde maßlos überschätzt. Das gigantisch „aufgemotzte“ Unternehmen brach zusammen, Andreas Köchlin bzw. Henry Marquis verschwanden auf nimmer Wiedersehen und hinterließen einen riesigen Schuldenberg. Tausende Bergleute und Arbeiter verloren ihre Arbeit und standen vor dem Ruin.
Derzeit wird die Geschichte neu geschrieben, mit Matthäus Ziegler als Hauptperson. Aus dem Nichts kreuzte der 28-Jährige auf und erweckte auf - zugegeben - überzeugende Weise den Eindruck, das Abenteuerland mit dem millionenschweren Familienerbe im Rücken auf links drehen zu können und zur international anerkannten Freizeitpark-Destination auszubauen.
Heute wissen wir, was hinter den großen Ankündigungen steckte: Nichts, wie es sich derzeit darstellt, außer riesiger betrügerischer Energie. „Zu schön um wahr zu sein“, denkt wohl so mancher nach dem bösen Erwachen. Hört man sich um, fallen oft Sätze wie: „Das war mir schon die ganze Zeit nicht geheuer.“ Aber: Hätten nicht alle Beteiligten - von der Compagnie des Alpes angefangen bis auch hin zu uns Medien – nach den großen Ankündigungen genauer beleuchten müssen, was hinter der Fassade der angeblich millionenschweren Ziegler-Dynastie steckt? Haben wir uns nicht blenden lassen vom geschickten Auftreten des Möchtegernunternehmers? So wäre Matthäus Ziegler auf jeden Fall früher als Betrüger und seine Pläne als Luftnummern enttarnt worden - vielleicht auch noch rechtzeitig.
Die Hochstapler Andreas Köchlin bzw. Henry Marquis de Sassenay haben den Ramsbecker Bergbau um 1850 in den Ruin getrieben. Der Neuaufbau dauerte lange und war schwer. Zu hoffen bleibt, dass die Geschichte um Fort Fun im Jahr 2012 ein gutes Ende schreibt. Nach dem Rückkauf durch Compagnie des Alpes scheinen die Zeichen dafür gut zu stehen.
Björn Theis


 

 


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