"True Grit": Als der Westen noch wild war

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Der Schatten eines Kerls: Jeff Bridges als Marshall Rooster Cogburn in „True Grit“. In der Nacht zum Montag könnte der Schauspieler für diese Rolle einen Oscar als bester Hauptdarsteller gewinnen.

Das Western-Remake „True Grit“ von den legendären Coen-Brüdern ist einer der großen Favoriten bei der Oscar-Verleihung. Hier der Kinotrailer und die Filmkritik:

Jetzt also ein Western. Joel und Ethan Coen haben sich schon in einigen Genres getummelt. Auch die große Krise des Hollywoodkinos, das sich seit dem Beginn des neuen Jahrtausends vor allem auf Fortsetzungen erfolgreicher Blockbuster und Animationsfilme konzentriert, hat die Regisseure nicht verunsichert. Sie machen, was sie wollen – höchst erfolgreich.

Dass der Western allen Vorhersagen zum Trotz noch lange nicht tot ist, haben vor den Coens schon Clint Eastwood oder Kevin Costner bewiesen. Doch wie immer gehen die Brüder, die seit Jahren gemeinsam Drehbücher schreiben und Regie führen, noch einen Schritt weiter. Ihr „True Grit“ ist nicht nur eine sehr genaue Adaption eines satirischen Romans gleichen Titels von Charles Portis. Der eng ans Buch angelehnte Film ist zugleich die Neuauflage eines John-Wayne-Westerns aus dem Jahre 1969. „Der Marshal“ wurde von Henry Hathaway inszeniert – und so viel Gutes sich auch über das Remake sagen lässt: Der unverwüstliche Haudegen John Wayne bewegte sich sogar mit nur einem Lungenflügel als US-Marshall Rooster Cogburn schneller als Jeff Bridges in „True Grit“.

Schuld daran ist die sanfte Umdeutung der Protagonisten, die die Coens vorgenommen haben: War Wayne trotz Bärbeißigkeit proper anzusehen, ist der Cogburn, den Bridges mit Vollendung gibt, nur noch ein lallender, einäugiger Schatten eines Kerls. Zusammen mit der 14 Jahre alten Mattie (Hailee Steinfeld), die den Tod des Vaters rächen will, bildet er ein Irrsinnspaar der Filmgeschichte – nicht ganz so ehrenwert und nicht ganz so altjüngferlich wie im Original.

Die Coens können aus ihren Darstellern das Maximale herauskitzeln, man denke nur an John Goodman und Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ oder Javier Bardem in „No Country for Old Men“. An der Figur des La Boef, die der ansonsten solide, aber immer recht farblose Matt Damon auf die Leinwand zaubert, kann man die hohe Kunst der Coen’schen Schauspielführung begreifen. „True Grit“ ist ein Western nach allen Regeln des Genres, angesiedelt in der späten Nachmittagssonne, am Ende des 19. Jahrhunderts: Bald werden die Pferde von den Straßen gedrängt sein, das Bison ist nahezu ausgerottet, und die Revolverhelden von einst saufen sich dem finalen Rausch entgegen. Dieses Heraufdämmern einer neuen Zeit fängt der Film in vielen Momenten ein, hervorragend fotografiert von Kameramann Roger Deakins. Der hat schon in „Kundun“ und „Land der schwarzen Sonne“ gezeigt, dass er mit dem Spannungsfeld zwischen unwirtlicher Landschaft und den unbedeutenden Menschen viel anzufangen weiß.

Ulricke Frick

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