Tatort-Kritik: Alles ist böse 

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Fasziniert, weil sie in kein Schema passt: Nina Kunzendorf als Frankfurter „Tatort“-Kommissarin Conny Mey.

Frankfurt - Wer die erste Viertelstunde durchgehalten hatte, der wurde belohnt in diesem Frankfurter „Tatort“ (ARD). Oder vielmehr: Es hatte ihn am Ende richtig durchgeschüttelt. Lesen Sie hier die Kritik! 

Denn der Film blickt ganz tief in menschliche Abgründe. Und: Es gelingt ihm virtuos, das anfängliche Gruselkabinett in eine höchst menschliche Gesellschaft zu entwickeln – auch wenn die Krimi-Story ein paar Schwächen hat. Die Schreckgespenster zu Beginn: eine prollig-taffe Hauptkommissarin und ihr defensiv-feiger Kollege, ein schmieriger Kommissar und ein skrupelloser Journalist, ein willkürlich entscheidender Chef, ständige gegenseitige Anmachen, Unflätigkeiten – und der Fall: tote Prostituierte. Willkommen im Milieu.

Doch genau dahin, zu Zuhältern und ins Rotlicht, führt der Film nicht. „Es ist böse“ ist der allumfassende Titel des dritten Falls der Hauptkommissare Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Frank Steier (Joachim Król). Böse ist die Anfangsszene, in der Ramona Förster blutüberströmt aufm Bett liegt. Böse sind die Widerstände, gegen die Mey kämpft. Böse ist ihre Ausdrucksweise, und böse setzt ihr die Arbeit zu – offenbar auch, weil sie eigene Erfahrungen mit häuslicher Gewalt hat.

Kommissare beim Kultkrimi Tatort

Kommissare beim Kultkrimi Tatort

Böse ist, was der Hauptverdächtige Markus Förster (Uwe Bohm) so treibt, und böse erst recht das Motiv des Täters Holger Ritter (Marc Bischoff): Frauen zu töten, um sich an der Mutter zu rächen. Postmortale Kehlkopfschnitte, um ihnen die Sprache zu rauben. Ritter ist der vollendete Psychopath, und auch Förster tut einem leid. Der Film endet denn auch in der Psychiatrie, dort, wo es hoffentlich Hilfe gibt für die kaputte Welt. Diese zeigte der Film zuvor schonungslos: wenn Rita Herfurth (Lisa Wagner) ihren Freund Ritter eiskalt abserviert; oder wenn dieser sich von Mey mit Wattestäbchen im Mund rumstochern lässt, völlig hilflos – großartig.

Dennoch: Kennt man diese Geschichte nicht schon, in der jemand Prostituierte tötet, „um die Frauen zu bestrafen“, wie es Kommissar Seidel (Peter Kurth) analysiert? Auch die Aufklärung des Falls bleibt schwach.

Stark dagegen wieder: Mey alias Kunzendorf, die auch dieses Stück von Autor Lars Kraume und Regisseur Stefan Kornatz prägt. Zwischen schnellen Schnitten hält die Kamera lange auf ihr Mienenspiel. In ihren Höschen und Jäckchen stiefelt sie zwar hart an der Grenze der polizeilichen Glaubwürdigkeit entlang. Doch sie ist aufrichtig, und sie fasziniert – weil sie in kein Schema passt.

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Nach einer Viertelstunde der erlösende Dialog: „Du wirkst wie ein ehrgeiziges Mädel aus’m Mannheimer Prolo-Viertel, das auch mal ins Fernsehen will“, analysiert Steier, und Mey kontert: „Und du wie ein Kotzbrocken, der es sich in der zweiten Reihe gemütlich macht.“ Ein tolles Team.

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Christine Ulrich

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