Die Ausstellung „Solid Liquids“ in Münster zeigt Kunst im Widerspruch

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Apparatur mit anatomischem Modell: David Altmejds Arbeit „Inn 1“.

lMÜNSTER - Der Wachsschädel stiert aus Glasaugen vor sich hin, vorbei an der Ananas, die genau gegenüber, aber etwas höher montiert ist. Beide Köpfe befinden sich in einem seltsamen Apparat aus Plexiglas, der einen Aquarium ähnelt. Nur dass hier in jede Wand Früchte montiert sind, neben der Ananas noch Trauben und eine halbe Kiwi. Verbunden sind die Objekte durch eine Art Kanalsystem, offene Plexiglasbahnen wie bei einer Klingelbahn, über die der zähe Saft mal grün, mal gelb zu fließen scheint. Kleine Saftfälle stehen in der Luft, erstarrte Flüssigkeit.

Was der kanadische, in New York lebende Künstler David Altmejd mit seiner Skulptur „Inn 1“ (2015) sagen will, bleibt rätselhaft. Der Kasten wirkt wie eine surreale Maschine, lässt an Nahrungsflüsse denken und an das Ausbeuten der Natur. Er löst widersprüchliche Gefühle aus, zwischen Appetit und Ekel, Mitleid und Horror.

Und Paradoxien sind ein zentraler Aspekt in der Ausstellung „Solid Liquids“ in der Kunsthalle Münster. Die Kuratoren, Kunsthallenchefin Gail Kirkpatrick und Marcus Lütkemeyer, versuchen hier, einer Tendenz vor allem in der aktuellen Skulptur nachzuspüren. Sie möchten es nicht Stil oder Trend nennen, aber gewisse Gemeinsamkeiten in den Arbeiten sehr unterschiedlicher Künstler scheinen ihnen augenfällig. Eine neue „Lust am Machen“ nennt es Lütkemeyer. Auf einmal finden sich in Skulpturen wieder Motive und Mittel, die den Kuratoren vertraut erschienen, aber auf eine neue Art verarbeitet. Und Widersprüchlichkeit ist ein zentraler Zug, der sich auch im Titel „Solid Liquids“ ausdrückt. Feste Flüssigkeiten. Was das sein könnte, sieht man in Almejds Kasten, wo die Säfte nicht nur erstarrt sind, sondern zuvor sogar gegen die Gesetze der Schwerkraft von unten nach oben flossen.

Werke von zehn Künstlern sind in der Schau zu sehen, und ihnen ist gemein, dass sie weniger auf Entschlüsselung als auf sinnliche Wahrnehmung abzielen. Was nicht heißt, dass es nur um Oberflächenästhetik ginge. Björn Dahlem zum Beispiel zeigt ebenfalls Vitrinen, in denen er vorgefundene Objekte neu montiert und arrangiert. „Der Goldene Baum“ (2011) erhebt sich wie eine Monstranz aus einem fein ziselierten Sockel aus altmodischen gläsernen Kuchentellern. „Saturn Melancholia“ (2013) ist aus Blumenvasen und einer Bauhaus-Kugellampe montiert. Beide Objekte leben aus dem Kontrast zwischen dem hohen, quasi-sakralen Anspruch durch die mythologischen Themen und dem Hauch von Flohmarkt, den die verarbeiteten Materialien ausströmen.

Auch Johanna K. Becker spielt mit dem Gegensatz von flüssig und fest in ihrer Skulptur „24/6“ (2016). Wie eine große Käseglocke steht das Objekt aus Polyestergießharz und Acrylglas auf einem Sockel, und man meint, ein Präparat zu erblicken, wie sie in naturwissenschaftlichen Museen stehen. In dem transparenten Körper scheint etwas zu schwimmen, und bei genauem Hinsehen erkennt man Objekte und Motive, Adam und Eva zum Beispiel, nur dass Adam die Gestalt eines Neandertalers hat, einen Stegosaurus, Fische, Korallen. Es ist ein phantastisches Kompositum aus biblischem Schöpfungsmythos und Evolutionstheorie, aus Wissenschaft und Fiktion.

Diese Skulpturen sprechen zu dem Betrachter, wenn auch manchmal in Rätseln. In der „Antenna (Anesthesia)“ (2016) scheint der britische Künstler Steven Claydon Bruchstücke eines ozeanischen Totempfahls verarbeitet zu haben. Tatsächlich spielt er auf reale getarnte Funkantennen an, die US-Militärs auf Inseln im Pazifik einsetzten. Aber das Ensemble aus einem angedeuteten Kopf, einem Fangnetz und einer Goldplatte, die sich bei näherem Anschauen als Tablettenblister entpuppt, alles an einen schwarzen Holzbalken montiert, verströmt eine archaische ästhetische Kraft.

Charmant spielt die Belgierin Valérie Mannaerts mit Materialien, speziell mit Raumteilern aus Stoff, die bestickt und bezeichnet sind („Palms with no shade“, 2014). Der US-Künstler Matthew Monahan baut figurative Skulpturen aus Schammottsteinen, die er bei „Old Helix“ (2011) zum Beispiel mit einer Metallhaut teilweise ummantelt. Und Tobias Rehberger, in Münster bekannt durch seine Beteiligung an den Skulptur-Projekten, zeigt falsche ethnologische Masken, die von innen beleuchtet werden und quasi als Lampen im Raum hängen („Me as you“, 2014) sowie die Arbeit „Forget it!“ (2011), eine verspiegelte Stele vor zwei über Ecke montierten Spiegeln, beide mit Mustern versehen, so dass kaum unterscheidbar ist, was man sieht: Dekor oder Spiegelung.

Bis 25.9., di – fr 14 – 19, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 67 44 675, www. stadt-muenster.de/kunsthalle

Quelle: wa.de

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