Benjamin Millepieds Choreografie zum „Nussknacker“ in Dortmund

Wie in der Puppenstube: Szene aus dem „Nussknacker“ mit Arsen Azatyan, Alysson da Rocha Alves und Hiroaki Ishida. - Foto. Stoess

DORTMUND - Das Dortmunder Ballett hatte den Kontakt zu Benjamin Millepied schon geschaffen, bevor der Startänzer auch als Choreograf international abhob. 2010 wurde er endgültig berühmt mit den Choreografien, die er für den Film „Black Swan“ mit seiner späteren Frau, Natalie Portman, schuf.

Da hatte Millepied in Dortmund schon das Duett „Closer“ präsentiert. Nun zeigt das Haus auch die deutsche Erstaufführung von Millepieds „Nussknacker“, 2005 für Genf entstanden. Ein Erfolg wird dieser „Nussknacker“ sicher werden. Er ist ansprechend bunt, dabei klar und modern, verfügt über eine eingängige Ästhetik und wird getanzt von jungen Tänzern, die Kraft, Technik und Witz verbinden.

Lametta, Kugeln und Kerzen kommen nicht vor. Auch Spitzenschuhe werden selten gesichtet. Der Weihnachtsbaum ist ein grüner Kegel. Millepied und sein Ausstatter, Paul Cox, haben einen „Nussknacker“ gemacht wie aus dem Kinderzimmerkatalog: klare, leuchtende Farben, drumherum viel Weiß. Ein Puppenheim, in dem fröhliche Erwachsene mit ihren Kindern Weihnachten feiern. Der Nussknacker ist ein Frosch. Kermit, bist du’s?

Von der Magie lässt Millepied die Finger. Drosselmeier, den Arsen Azatyan verspielt gibt, hext zwar ein bisschen herum, aber insgesamt wird die Geschichte schnörkellos erzählt. Beim Fest torkeln die Erwachsenen selig umeinander. Claras Mutter und Vater (Stephanine Ricciardi, Andrei Morariu) sind offenbar sehr verliebt. Millepied hat für sie zwei Extratänze eingebaut und sogar neue Musik hereingenommen. Harlekin und Colombine steigen aus einem Geschenkkasten, aber da sie Aufziehpuppen Drosselmeiers sind, verliert Colombine (Denise Chiaroni) die Orientierung und muss davor bewahrt werden, in den Orchestergraben zu fallen. Die Kinderrollen sind besetzt mit der jungen Sarah Falk und Luis Weissert als Clara und Drosselmeiers Neffe. Sie zeigen schon viel Schauspieltalent und bewältigen ihre Tanzszenen charmant.

Über den Zauber, der auf Drosselmeier junior liegt, verliert Millepied aber nicht viel Zeit. Am zauberhaftesten wirkt der „Schneeflockenwalzer“ mit seiner zeitlos-modernen Schönheit. Männer und Frauen wirbeln in langen weißen Röcken. Dazu singt der Kinderchor der Vokalakademie Dortmund. Eine magische Szene.

Der zweite Akt mit seinen Charaktertänzen ist in den besten Szenen verspielt und ironisch. Aus dem Blumenwalzer wird ein Gartentanz, ein Flirt zwischen Gärtnern und „Blumen“, die ihre Töpfe auf dem Kopf tragen. Anstelle der Charakterrolle der „Lebkuchenmutter“ bringt Millepied eine märchenhafte Dragqueen mit Riesenkrinoline auf die Bühne, ein Erfolg für den kokett lächelnden Dann Wilkinson.

Andere Nummern sind deutlich konventioneller, wie der Auftritt zweier Haremsdamen, die beweglichen, funkelnden Tänzerinnen Sae Tamura und Nae Nishimura, die von einem Scheich mit Wasserpfeife beschaut werden wie Ausstellungsstücke.

Das Dortmunder Ballett bekommt wieder Verstärkung vom NRW-Juniorballett, das Wang im vergangenen Jahr gegründet hat. Viele der jungen Tänzer und der Stammtänzer glänzen. Barbara Melo Freire ist eine komische Großmutter im ersten und eine gelenkige, witzige „Blume“ im zweiten Akt. Hiroaki Ishida und Giacomo Altovino hüpfen als sprungstarke Chinesen wie Bälle über Stöckchen. Der Tanz der Rohrflöten ist ein bezauberndes Trio mit der kecken, flinken Haruka Sassa vom Juniorballett.

Allerdings folgt auf die originellen Nummern eine klassische, sogar ein wenig langweilige Zuckerfee (Jelena-Ana Stupar mit ihrem Partner Alysson da Rocha Alves). Der große Pas de deux ist aufgetrennt. Die beiden tanzen nur das Adagio und die Coda. Die Variation der Zuckerfee mit dem berühmten Celestaklang wird an den Anfang des zweiten Akts geschoben. Warum? Sie erfüllt dort keinen besonderen Zweck, außer die Zuckerfee als Girlie in Prinzesschen-Rosa einzuführen. Das wirkt aufgesetzt – besonders im Vergleich zum folgenden klassischen Pas de deux.

Am Pult der Dortmunder Philharmoniker sorgt Gabriel Feltz für einen rauschenden Klang. Bis Weihnachten stehen viele Aufführungen an. Die Hauptrollen werden getauscht, wer also eine Wunschbesetzung hat, sollte sich den Plan anschauen.

24., 31.10., 7., 13., 27., 29.11., 20., 26.12., Tel. 0231/ 50 27 222 www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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