Berliner Philharmoniker im Konzerthaus Dortmund

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Klänge zum Schwärmen: Yannick Nézet-Séguin dirigiert die Berliner Philharmoniker in Dortmund.

Dortmund - Da stehen diese fünf Kerle, nebenbei plaudernd, hauptsächlich lauschend. Sie hören auf ihre Kontrabässe, die ein Schnurren in den Saal legen, leise, aber resonant, ein Schnurren kurz vor dem Aufstehen und Strecken, kurz bevor der Rest des Orchesters, plus zwei Kontrabass-Kollegen, hereinkommt.

Die Berliner Philharmoniker setzten im Konzerthaus Dortmund die Reihe der hochkarätigen Abschiedskonzerte für Residenzkünstler Yannick Nézet-Séguin fort. Unter dem Kanadier haben sie mit einem Dvorak- und Smetana-Programm ihr jährliches Konzert in der Berliner Waldbühne bestritten, jetzt sind sie damit auf Kurztournee. Ein Sommerprogramm mit Ohrenschmausgarantie: die Moldau, Dvoraks Streicherserenade opus 22 und seine 6. Sinfonie.

Das Quellgurgeln der Moldau legen schon die Flöten breit und selbstbewusst in den Raum, auch die Streicher holen weit aus zu einer Moldau mit breitem Edelklang. Der Zuhörer erinnert sich an Karajans Breitwandsound, dessen Üppigkeit und Brillanz Nézet-Séguin aufruft; allerdings ist der Sound des Kanadiers federnder, moderner, besonders in der Dvorak-Sinfonie. Die Jagdszene und der Ländler kommen breitpinselig daher; in der Mondszene ist schon mehr los: Unter der silberseidenen Streicheroberfläche rumort, oder besser, atmet es. Aus den anderen Stimmgruppen strömt ständig Energie zur Oberfläche. So baut sich eine Spannung auf, die sich im kraftvoll wiederkehrenden Thema entlädt. Die zwei eigentlich störenden Schlussakkorde, die am Ende der Partitur einschlagen, klingen hier weich wie Akkorde, die sich von einer Harfe lösen. So hält Nézet-Séguin die Stimmung im Mythisch-Märchenhaften.

Dvoraks Streicherserenade ist aufgeladen mit allen Spezialeffekten, die die Berliner zu bieten haben: federnde Rhythmik, dabei Phrasen, die wie von einem Federbett abgepuffert scheinen. Selbstbewusste Stimmgruppen, die um die schönsten Einsätze wetteifern. Das ist fast zuviel des Schönen und Guten. Im zweiten Satz gibt es diese Stelle, in der die Holzbläser zwei Mal hintereinander das lyrische Thema wiederholen, da muss man die Bratschen gehört haben. Sie klingen wie flüssiges Gold unter Strom. Das ist ein klassisches Showcase, ein Präsentierstück für die Edelstreicher aus Berlin.

Dvoraks Sechste leidet nicht mehr unter dem Vorzeigesyndrom, oder vielmehr: Sie bietet motivisch und dynamisch mehr Varianz. Nézet-Séguin und den Berlinern gelingt eine dichte, federnde, klanglich zwar üppige, aber doch aufgeräumte Aufführung. Die Sinfonie verarbeitet ländliche Motivik und bearbeitet tschechische Volksmusik. Unter Nézet-Séguin werden die Rhythmen auf Gluthitze gebracht, bis sie hüpfen wie Tropfen auf einem heißen Blech. Das eigentlich pastorale Gepräge der Musik wird aufgeladen, wird zum Idyll unter Strom. Der Furiant im dritten Satz schäumt vor Volksfest-Lustigkeit mit überschnappendem Frohsinn und einem Hauch Brutalität, ohne dass die Präzision des Einsatzes verloren geht.

Während des Schlusssatzes ließ sich ein kleines Zwischenspiel beobachten: Am zweiten Pult der ersten Geigen riss eine Saite. Der Geiger reichte den Kollegen, die weiterspielten, sein Instrument zur Begutachtung herüber, lieh sich eine Ersatzsaite und versuchte, sie aufzuziehen. Als das misslang, geigte er eben so weiter. Zur Zugabe nahte Hilfe, als ihm ein Kollege von einem hinteren Pult seine Geige anbot.

Das da capo war Dvoraks Slawischer Tanz Nr. 8 als kleiner Gewittersturm in sich.

Das letzte Konzert seiner Residenz gibt Nézet-Séguin am 9.7. mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Seine Bruckner-Reihe endet mit der Siebten. Tel. 0231/ 5844 9850, www.konzerthaus-dortmund.de.

Quelle: wa.de

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