Brechts „Guter Mensch von Sezuan“ in Essen

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Gut gemeint: Stephanie Schönfeld als Shen Te (links) und Floriane Kleinpaß in Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ am Schauspiel Essen.

Essen - „Kauft Wasser“, singt der Wasserverkäufer Wan wütend und verzweifelt, während es auf der Bühne des Grillotheaters aus der Berieselungsanlage regnet. Hier wird einem schon beim Zuschauen klamm, so unerbittlich nieselt es auf die Provinz Sezuan herab (Bühne: Lisa Maria Rohde, Moritz Peters). Es ist ein starkes Bild, das von der Sinnlosigkeit des menschlichen Handelns erzählt, wie es vor allem im absurden Theater bei Ionesco und Beckett stilprägend war.

Bertolt Brechts Lehrtheater „Der gute Mensch von Sezuan“, 1943 uraufgeführt, streift diese existenzialistische Schwere nur und macht sie nicht zur Zustandsbeschreibung der Welt.

Am Schauspiel Essen lässt einen Regisseur Moritz Peters schon spüren, dass die epische Versuchsanordung Brechts heute mehr Theatergeschichte transportiert, als Hoffnung auf ein besseres Leben stimuliert. Seine Götter ergehen sich in Diskussionen, aber lassen den einzig guten Menschen allein, als es heißt, den Neuanfang zu wagen. Es bleibt regnerisch.

Also, wer macht mit, ist eine Frage, die die Essener Inszenierung ein wenig auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik dreht. Der Tabakladen von Shen Te ist ein grauer Container, statt Genussmittel liegen rote T-Shirts und Textilpakete herum. Die Ex-Prostituierte, die den Göttern Unterschlupf gewährte, entdeckt ihr gutes Herz und lässt die Armen zu sich, bis sie merkt, wie besitzergreifend diese Mitmenschen sind. So gesehen, ist Brechts Geschichte kein Mutmacher für die offene Gesellschaft. Und Moritz Peters bleibt substanziell auch bei Brechts Frage, wann die Welt endlich besser wird. Selbst die Videobilder (Markus Schmiedel) aus dem Container, die an zusammengepferchte Flüchtlinge erinnern, ergänzen nur Brechts Schicksalsfiguren um die Fliehenden aus unseren Krisenregionen. In den Videos wird nach Bildparallelen zum Grenzort Idomeni – (Menschen unter Planen – gesucht. Eine eigene visuelle Kraft entwickelt das aber nicht.

Folglich bleibt im Mittelpunkt das Spiel von Stephanie Schönfeld. Sie gibt die doppelte Figur Shen Te/Shui Ta. Einerseits wird sie von humaner Not überzeugt, so dass sie Unterkunft gewährt, Arbeit entlohnt und Geld leiht, um anderen einen Traum zu erfüllen. Andererseits wandelt sie sich zum gefühlskalten Vetter Shui Ta, der in straffer Kampfsporthaltung, den Laden saniert und nach ihrer gescheiterten Liebe, den Bräutigam zur Arbeit in der Billigfabrik nötigt („Liebe ist zu teuer“). Schönfeld zeigt die Not Shen Tes, nur gut zu leben, wenn andere leiden, sehr einfühlsam, manchmal auch selbstbestimmt, bis hin zum Veitstanz, der ihre Überforderung körperlich macht.

Die argumentative Szenenfolge Brechts, dass das Kapital der Eigentümer und Unternehmer das Leid einfacher Menschen bestimmt, wird in Essen von einem launigen Ensemble aufrichtig, überspitzt oder süffisant ausgebreitet. Thomas Anzenhofer spreizt sich als Teppichhändler, der einen meterlangen Scheck anbietet, wenn Shen Te zu ihm kommt. Floriane Kleinpaß ist die strake und harte Hausbesitzerin Mi Tzü, und Thomas Meczele wird als selbstverliebter Polizist kein Freund und Helfer.

Die Lieder Paul Dessaus mit ihren sarkastischen Kommentaren hat Tobias Schütte bearbeitet und eine Musik komponiert, die das Unvollendete im Stück Bertolt Brechts mit jazzigen und atonalen Intros auf der Bühne spürbar macht und Aufmerksamkeit schafft. Viel Applaus vom Premierenpublikum.

4., 12., 28., 29. 5.; 3., 10. 6.;

Tel. 0201/8122 200; www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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