Bürokraten zum Ausflippen in Bochum: „Weekend im Paradies“

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Wo ist das denn? Regierungsrat Dittchen (Henrik Schubert) und Tutti (Juliane Fisch) kommen in der Bochumer Inszenierung „Weekend im Paradies“ langsam in Stimmung.

BOCHUM - Diese Beamten werden in Käfigen gehalten. Die Bühne im Schauspielhaus Bochum zeigt eine Art Container, aufgeteilt in vier Büros, die von der wuchtigen Schreibmaschine bis zum Gummibaum in der Ecke absolut identisch ausgestattet sind. Da fühlt sich Regierungsrat Dittchen logischerweise als „Nowhere Man“, als unscheinbares Nichts, übersehen bei jeder Beförderung, in der Karriere-Sackgasse.

Regisseur Christian Brey ist am Schauspielhaus der Spezialist für Blödsinn mit Musik – kein Wunder, hat er doch an der Harald-Schmidt-Show mitgearbeitet. In Bochum hat er schon Erich Kästners Stück „Drei Männer im Schnee“ als Playback-Schlagerrevue inszeniert und Monty Pythons Musical „Spamalot“. Nun hat er sich einen Klamotten-Klassiker des Autorenduos Franz Arnold und Ernst Bach vorgenommen, den 1928 uraufgeführten Bürokraten-Schwank „Weekend im Paradies“.

Natürlich funktioniert eine Handlung heute nicht mehr, die sich hauptsächlich darum dreht, dass Menschen außerehelichen Sex in einem etwas anrüchigen Hotel suchen. Ein Nachbar beschwert sich über den Wirbel (das allerdings ist hochaktuell), und Dittchen wittert seine Chance, mit einer Aktion für die Sittlichkeit doch noch Karriere zu machen. Allerdings verbringt das halbe Ministerium das Wochenende im Hotel Paradies, darunter die Abgeordnete Haubenschild, die den Verfall der Moral beklagt, der Assessor mit der Stenotypistin, der Ministerialrat, der auf ein Techtelmechtel mit einer schönen Frau hofft, nicht wissend, dass dies Dittchens Frau ist, die mit einem Flirt ebenfalls die Beförderung ihres Mannes voranzubringen trachtet.

Natürlich ist das antiquiert, das weiß einer wie Brey selbst. Aber diese Geschichte dient ja auch nur als Vehikel für gut zweieinhalb Stunden unterhaltsamen Quatsch. Darum spielt diese Ministerialposse auch nicht in ihrer Entstehungszeit, sondern wurde in die 1960er Jahre verlegt. Die grauen Räte mutieren im Hotel zu Jüngern eines gut gelaunten Gurus, werfen sich in alberne und knietschbunte Turbane, Dhotis und Saris, dass die Zuschaueraugen vor lauter Popfarben zu tränen beginnen, und scheinen nach Bollywood gebeamt. Man wohnt nicht in Zimmern, sondern in Elefanten. Und die Band (musikalische Leitung: Tobias Cosler) stimmt – mit einem indischen Meisterflötisten – orientalische Weisen an, zu denen vier Tempeltänzerinnen sich höchst elastisch bewegen.

Natürlich lässt das Werk kein Beamten-Klischee aus, ja, Brey fügt lieber noch ein paar hinzu. All sein Fleiß verhilft Dittchen nicht zur lang ersehnten und überfälligen Beförderung. Seine Mitbewerber haben einfach die besseren Verbindungen. Eine der wichtigsten Fähigkeiten ist, Arbeit auf den Untergebenen abzuwälzen. Und wenn der Regierungsrat mal etwas Wasser verschüttet, greift der Assessor gleich zur Papierrolle und wischt auf. Und wenn der Name der Abgeordneten Haubenschild fällt, dann zuckt es wie ein Blitz durch alle Büros, und die Beamten werfen zwanghaft ihre Akten in die Luft. Überhaupt spricht man bei Brey gern wie im Louis-de-Funès-Film, im Wort-Ping-Pong von Nein! Doch! Nein! Doch! Aaah. Oder man verrenkt sich wie bei Monty Python. Oder man verspricht sich wie Heinz Erhardt: „Nicht in diesem Lehm – äh: Ton.“ Der Witz ist gelegentlich tiefer gelegt, die Toilette im indischen Themenhotel liegt am Ende des – Ganges. Manchmal kommt das aber auch reaktionsschnell rüber, wenn einer Frau und Zwillinge des Kollegen grüßt, und der korrigiert: Drillinge, und dann erwidert er: Wie die Zeit vergeht. Und wenn die Handlung dann wirklich mal klemmt, kommt wieder einer dieser schön umarrangierten Oldies aus der Beatles-Ära.

Das Ensemble veredelt den Blödsinn mit Lust. Hendrik Schubert ist ein wunderbar durchschnittlicher „Nowhere Man“, sein Dittchen ist der perfekte kleine Mann, der die Witterung zum Karrieresprung aufgenommen hat. Michael Schütz gibt als Ministerialrat den vollendeten Schlawiner. Raiko Küster ist ein Oberregierungsrat mit sehr schrägen Ticks, allein das Schnarchlachen! Anke Zillichs Abgeordnete betritt wie eine böse Harry-Potter-Hexe die Szene. Juliane Fisch gibt der Tutti die richtige Mischung aus burschikos und frivol mit.

Am Ende stecken sie wieder in den Büro-Käfigen (Ausstattung: Anette Hachmann). Aber in denen ist nun psychedelisches Chaos ausgebrochen, die Akteure gehen durch die Wände, klettern außen an Fassaden, haben einen Schuss asiatische Mystik mitgenommen.

Ausdauernder Beifall für einen Abend mit Dauerbrenner-Potenzial.

3., 7., 26.10., 4., 12., 24.11., 31.12., Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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