Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt die Ausstellung „Der Rhein“

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Ein Musikant als nationale Identifikationsfigur: Moritz von Schwind malte „Vater Rhein“ (Detail) 1848, zu sehen in Bonn.

BONN - Wie kriegt man den Rhein zu fassen, den zentralen Strom Europas? Sieht man ihn als romantischen Sehnsuchtsort wie die reiselustigen Briten des 19. Jahrhunderts? Dann ergötzt man sich am Porträt des Romantikers Moritz von Schwind, der 1848 „Vater Rhein“ in einem nationalen Besinnungsgemälde als bärtigen Fiedler zeigt, umgeben von einer Gruppe allegorischer Damen, mal barbusigen Nixen, mal einer gerüsteten Walküre, die für die Festung Mainz stand.

Oder schaut man eher auf den politischen Fluss, der lange die Grenze zweier verfeindeter Nachbarn bildete? Hier lieferte Lorenz Clasen eine gemalte Ikone, die „Germania als Wacht am Rhein“ (1880), die das Schwert gegen die Franzosen schon blank gezogen hat. Dieses Gewässer, mehr als 1200 Kilometer lang, ist zu groß für eine Ausstellung. Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn versucht trotzdem, mit mehr als 300 Exponaten eine „europäische Flussbiografie“ zu erzählen. In Zeiten, da Europa längst nicht mehr so hoch im Kurs steht, ist das schon mal eine Positionsbestimmung.

Die Kuratorin Marie-Louise von Plessen hat sich schon lange mit solchen Ausstellungen zu Gewässern befasst, zum Beispiel in Projekten zur Isar (München 1983) und zur Elbe (Dresden, Hamburg 1992). Und sie verblüfft und erfreut mit einer Fülle von Aspekten und Blicken auf den Rhein. Am Anfang greift sie zurück in die Erdgeschichte mit einem versteinerten Riesensalamander vom Bodensee, der rund 14 Millionen Jahre auf dem Buckel hat, mit einem Nashornschädel und ähnlichem. Von da springt sie zum Verlauf des Flusses. Wer weiß denn schon, dass der badische Ingenieur Johann Gottfried Tulla von 1817 an die Mäander mit Durchstichen begradigen ließ? Am Ende war der Strom um 81 Kilometer kürzer, was speziell am Oberlauf nutzte: weniger Hochwasser, Entsumpfung, Landgewinnung. Den Preis zahlten die Anwohner des Unterlaufs, wo es inzwischen mehr Überschwemmungen gibt.

So begegnet man beim Rundgang unerwarteten und seltsamen Dingen. Den niedlichen Modellen von Rheinschiffen zum Beispiel, die Hans Robert Wülfing in den 1920er und 1930er Jahren gebastelt hat. Der Installation „Vom Rhein“ (1968/93) des Künstlers Dieter Roth, der Spielzeugautos in einer aus Zucker geformten Flut untergehen lässt. Dem Mythos vom Rheingold ist ein ganzes Ausstellungskapitel gewidmet, in dem nicht nur ein opulentes Gemälde von Hans Makart („Der Ring des Nibelungen“, um 1870/72) gezeigt wird und aus Rheingold geprägte Goldmünzen. Hier ist auch ein echter Rheinschatz zu finden, denn immer wieder versanken mehr oder weniger wertvolle Dinge im Fluss, zum Beispiel die Beute eines Raubzugs. An einer Kiesbaggerstelle in einem Altarm des Rheins wurden seit den 1960er Jahren Geschirr, Helme, Waffen aus Eisen, Bronze, Silber gefunden, von denen eine Auswahl in einer Vitrine liegt.

Kostbare Leihgaben sind zu sehen wie das mittelalterliche Evangelistar von der Insel Reichenau (um 1045), Hans Knoderers Gemälde der Grabplatte Rudolfs I. (1508) und Aelbert Cuyps prächtiges Porträt der Familie Sam (um 1653). Der vergoldete Bischofsstab des Johannes von Dalberg von Worms (um 1490) wird gezeigt und mittelalterliche Dokumente aus dem Kölner Stadtarchiv. Solche Objekte lohnen durchaus den Weg in die Schau.

Das Dutzend Ausstellungskapitel suggeriert freilich eine umfassende Darstellung zwischen Mythos, Historie, Politik und Wirtschaft. Vom Fluss der Römer ist die Rede, vom Fluss der Kirche, der Kaiser, der Händler, der Industrie. Aber diese Biografie ist weit davon entfernt, den Rhein wirklich zu erklären. Stattdessen erlebt der Besucher einen Ausstellungsessay, der recht eigenwillig strukturiert ist. Warum zum Beispiel verteilt die Schau die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland auf mindestens drei Kapitel, wobei doch gerade die Kontinuität zu unterstreichen wäre von den napoleonischen Eroberungen bis zum Propaganda-Plakat „Hinaus mit dem welschen Plunder“, mit dem das nationalsozialistische Deutschland 1941 die Okkupation des Elsass begleitete.

Die Industriegeschichte des Flusses ergäbe allein schon eine Ausstellung. In Bonn macht sie das schmalste Kapitel aus, mit einem Fläschchen Fuchsin-Farbstoff und einem voll Aspirin-Pulver und einer Flasche, in der Joseph Beuys verschmutztes Rhein-Wasser zum Kunstwerk erhob, mit ein paar Plakaten und einem Video über den Sandoz-Skandal. Da nimmt das Rheingold in Realität und Mythos deutlich mehr Raum und Aufmerksamkeit ein.

Wie gesagt, die Ausstellung bündelt eine Fülle von Themen und lässt immer wieder aufblitzen, wie sehr sich am Rhein alle wesentlichen Themen der deutschen (und europäischen) Geschichte ablagerten. Zum Beispiel markiert der Reichstag zu Worms 1521 mit dem Prozess gegen Luther ein Schlüsseldatum für die Reformation – ein Holzschnitt und ein Flugblatt verweisen darauf, nicht im Abschnitt „Strom der Kirche“, sondern im Kapitel „Strom der Kaiser“, wo gleich auch noch die Ausgrenzung der Juden abgehandelt wird. Informationen über die Humanisten aber findet man noch ein Stück weiter unter dem Label „Strom der Händler“. Da muss ein Besucher schon konzentriert schauen und einiges an Vorwissen mitbringen, um eine schlüssige Erzählung in dieser Biografie eines Flusses zu finden.

Bis 22.1.2017, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228 / 91 71 200,

www.bundeskunsthalle.de,

Katalog, Prestel Verlag, München, 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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