Das Chorwerk Ruhr kombiniert Mozarts „Requiem“ mit zeitgenössischen Klängen

+
Das Chorwerk Ruhr und die Bochumer Symphoniker beim Mozart-Requiem in Gladbeck.

GLADBECK - Dem Tod und den Übergangsritualen dahin widmete sich bei der Ruhrtriennale ein Konzertabend mit dem Chorwerk Ruhr. Das Ensemble hat mit seinem klaren, nuancierten Stil in den vergangenen Jahren einige der interessantesten und schönsten Abende der Triennale mitgestaltet, von zeitgenössischer Oper bis zu geistlicher Musik von Arvo Pärth und John Taverner.

Der Chor ist auf Neue Musik spezialisiert. Sein Mozart ist nicht der getragene, glänzende Mozart aus dem Plattenschrank, sondern einer, der mit unerbittlicher Klarheit und tiefem Verständnis an den Tod hinfühlt. In der Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck führte das Chorwerk Ruhr unter Florian Helgath mit Musikern der Bochumer Sinfoniker und Solisten eine Version des Requiems auf, die nur Mozarts eigene Noten berücksichtigt; alle Vervollständigungen von Franz Xaver Süßmayr waren gestrichen.

Die Satzfolge wurde unterbrochen durch die „Sieben Klangräume“ des österreichischen Mikrotonalikers Georg Friedrich Haas. Die zehn Jahre alte Komposition soll Mozarts Originalpartituren ergänzen und spiegeln. Haas benutzte einen Brief des Magistrats der Stadt Wien an Mozart als Textfolie. Es ist eine harsche Zurechtstutzung des freiberuflichen Komponisten, der als einer der ersten, zeitweise ohne fürstliche Protektion, um Aufträge zu kämpfen hatte. Der Text wird gezischt und im Sprechgesang vorgetragen. Irdische Schändlichkeit spiegelt und bricht die Gottesanrufung, die Höllenvisionen und die paar Takte des Lacrimosa, die Mozart noch skizzierte, bevor er starb.

Nach dem Lacrimosa, das der Chor nur von der Orgel begleitet bis zum zwölften Takt sang (danach bricht das Manuskript ab), wird der Bruch zwischen Mozarts Humanismus der letzten Dinge und Haas‘ wütendem Pessimismus besonders spürbar. Auf den abrupten Schluss nach „homo reus“, dem schuldigen Menschen, folgen bei Haas keine Worte mehr. Nur Geräusche, Atmen und ein knochenartiges Pizzicatogeklapper, vom Chorwerk Ruhr und den BoSys bis fast in die Stille heruntergedimmt. Zwischen der aufregenden Mozart-Haas-Konfrontation wirkten die Soli wie Ruheinseln, auch weil das Quartett sensibel vorging, vor allem Sibylla Rubens, die mit ihrem silberleichten Sopran auch Pathos transportierte, und die Bachspezialistin Ingeborg Danz mit ihrem unaufgeregten, klaren Vortrag.

Mozart hatte sich vom Barock noch nicht so weit entfernt, dass er dessen Stilmittel völlig beiseite gelassen hätte: die Generalpausen, die auf das Ende aller Dinge hindeuten, zum Beispiel. Haas wiederum rekurriert auf das Barock, indem er in seinen „Sieben Klangräumen“ ein Theater des Todes aufbaut, Räume voll finsterem, oft geisterhaft konkretem Klang, wie eine gewaltige Vanitas. Als im letzten „Klangraum“ der Magistratsbrief vollständig wiederholt wird, klingen Höllenflammen im Wartezustand mit. Diese Theatralik prallt auf Mozarts Klarheit und die hellsichtige Präzision des Chorwerks Ruhr. Die Dissonanz zehrt an den Nerven, aber sie öffnet auch das Gehör.

Das war zuvor durch eine Kopplung von Ligetis Werk für doppeltes Streichsextett und Bachs Trauer-Motette „Komm Jesu komm“ vorbereitet worden. Ligeti schrieb vor, dass eines der Streichersextette seine Saiten um einen Viertelton nach oben stimmt. Die Stimmungsunterschiede ergeben Reibungen, das Ohr findet kaum Halt. Dagegen klingt Bachs Polyphonik noch klarer, die Unerbittlichkeit im ersten Teil noch härter, die Hingabe an das letzte Erlebnis des Lebens mit süßerer Hingabe.

Zum Abschluss sang das Chorwerk Ligetis „Lux Aeterna“, in dem die mikrotonalen Verschiebungen kleine Strudel in der Musik erzeugen.

Dabei hätte man es bewenden lassen können, aber Helgath dirigiert doch eine Zugabe, Mozarts Ave Verum, und wer das gehört hat, darf glauben, dass an diesem Abend der Humanismus doch noch einen sanften Triumph gefeiert hat.

Quelle: wa.de

Kommentare