Claudia Bauer inszeniert Philippe Heules „Simulanten“

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Fünf Gefangene, die sich ins Spiel retten: Szene aus Philippe Heules Stück „Die Simulanten“ mit Bettina Lieder, Julia Schubert, Ekkehard Freye, Sebastian Kuschmann und Björn Gabriel (von links).

Recklinghausen - Donner grollt ins Dunkel der Halle König Ludwig 1/2. Das Licht geht an. Im Bühnenkasten liegt ein Haufen aus fünf Menschen übereinander. Offensichtlich sind sie eingeschlossen in einem Raum ohne Türen, ohne Fenster, allein mit zwei mächtigen Ventilatoren in den sonst glatt vertäfelten Wänden. Wie sie hierher kamen? Wissen sie nicht. Bettina Lieder hält noch ein leeres Hundehalfter in die Höhe, ohne Tier. Am vernünftigsten klingt die Vermutung von Ekkehard Freye, dass nämlich ein schwarzes Loch sie alle eingesogen und hierher gebracht hat.

Da können sie noch so die Wände entlang tigern und „Scheiße“ rufen. Oder nervös auf ihren Mobiltelefonen fingern – kein Netz. Oder wie ein Rudel Wölfe auf Björn Gabriels gerade im Duty Free erstandene Stangen Marlboro gieren. So würden die meisten von uns reagieren. Und doch bleibt die Lage in Philippe Heules Stück „Die Simulanten“ in jedem Moment künstlich, eine Versuchsanordnung.

Die Uraufführung in der Regie von Claudia Bauer ist eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Schauspiel Dortmund, wo die Produktion im Herbst im Megastore zu sehen ist. Die Simulanten, das sind die fünf Eingesperrten, die versuchen, wenigstens so etwas wie Sinn zu finden, wenn sie schon keinen Ausweg entdecken. Vielleicht sind sie ja Opfer eines Menschenversuchs und sollen eine Tagung simulieren, vielleicht die Weltklimakonferenz, vielleicht hat es sie auch auf ein Gipfeltreffen von internationalen Fernbeziehungsopfern verschlagen. Wenigstens vergeht die Zeit, wenn man nicht einfach rumsitzt, sondern sich auf Rollenspiele einlässt. Julia Schubert ergreift da für einige Momente die Macht als sehr geschäftsmäßige Therapie-Tante.

Heule mischt Zeitgeistslang mit absurder Komödie mit Kafka mit Sartres Jenseits-Drama „Geschlossene Gesellschaft“. Das hat den Überraschungseffekt auf seiner Seite, wird dann aber schnell beliebig, weil jede Aussage durch das Simulieren sofort wieder relativiert wird. Der dramaturgische Weg führt es ruckzuck von der Krise des Sozialstaats zu Yoga in Neukölln, vom Organhandel zum Sex, und nichts davon ist verbindlich. Aber als erstmals das Wort „Internet“ fällt, zucken alle anderen zusammen wie Vampire, denen man das Kruzifix vorhält.

Die gut anderthalb Stunden könnten sich dehnen, wenn Bauer den Text nicht so komödiantisch aufgebrezelt hätte. Sie unterteilt den Abend mit Verdunkelung und Schwarzes-Loch-Donner in Momentaufnahmen, was Struktur schafft. Sie führt die Darsteller in kleine Choreografien, lässt sie zum Beispiel als Karawane von einer Raumecke in die andere pilgern und „Nein“ ausrufen. Sie führt die Flirts und Knutschereien ad absurdum, indem sie Gabriel und Freye zum schwulen Paar formiert, und Gabriel unterbricht Freyes Süßholzredeschwall regelmäßig mit Ohrfeigen. Die Darsteller setzen sich Großkopfmasken auf und ziehen wattierte Anzüge an (freilich ohne Hosen), um zu schwadronierenden Klima-„Experten“ zu mutieren. Und wenn Bernd Kuschmann sich die Stabmaske mit dem Antlitz von Leonardo di Caprio vorhält, verfallen die anderen in Schwärmerei.

Durch die Hingabe und die Spiellust der Darsteller kriegt das Stück einen Schwung, den der Text nicht vermuten lässt. Die Suche nach dem Ich in digitalen Zeiten, die ständige Selbstvergewisserung werden hübsch karikiert, wenn drei Darsteller in Plüschtierkostümen auftreten und den Daumen nur aus dem Mund nehmen, um ihn hochzuhalten für ein „Like“ in den Atempausen von Bernd Kuschmanns Macho-Sätzen. „Ich bin nicht digital“, ruft Björn Gabriel später, „ich bin Fleisch... und ... und...“ und sein analoges Sein verliert sich im Gestammel.

Es gibt einiges zu lachen an diesem aufgekratzten Abend. Die fünf Schauspieler verwandeln den so sterilen Raum in ein Chaos, und ihr ausgelassenes Komödiantentum lohnt das Anschauen.

9.6., Tel. 02361/92 180, www.ruhrfestspiele.de,

ab 28.9. im Megastore Dortmund

Tel. 0231/5027222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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