Zawaya: Ein Stück über den arabischen Frühling bei den Ruhrfestspielen

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Ein Mosaik der Stimmen: Das Stück „Zawaya“ über den Aufstand in Ägypten 2011 bei den Ruhrfestspielen.

Recklinghausen - Auf den japanischen Regisseur Akira Kurosawa geht der Rashomon-Effekt zurück: Jeder erzählt seine Wahrheit. Darunter ist, schemenhaft, wie unter Filtern, erkennbar, was passiert ist. Der Zuschauer setzt sich seine eigene Wahrnehmung zusammen. Mit diesem Stilmittel stellt der ägyptische Regisseur Hassan El Geretly den arabischen Frühling dar.

Fünf Stimmen, fünf Schauspieler sprechen in dem Stück „Zawaya. Zeugnisse der Revolution“. Die Compagnie El Warsha aus Kairo gab am Wochenende ein arabischsprachiges Gastspiel bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Das diesjährige Festival-Motto „Mare Nostrum“ öffnet es für außereuropäische Stimmen und Perspektiven.

El Warsha hat Aussagen Dabeigewesener gesammelt und zu fünf Monologen geformt, verbunden durch revolutionäre Lieder zur Oud, der arabischen Laute. Die Liedtexte werden wie die Monologe deutsch übertitelt. Sie sprechen von einem Ägypten, das sich nie beugen werde, von Blut, von Einsamkeit. Viel Pathos für Europäer, die den Sturz des Autokraten Mubarak aus dem TV kennen, für Deutsche, die „Wir sind das Volk“ heute mit Pegida und AfD verbinden.

Es gab im etwa halb gefüllten Kleinen Haus der Ruhrfestspiele eigentlich zwei Publika: ein deutsches, ein arabisches. Interessierte Deutsche, die der Übertitelung zu folgen versuchten, saßen neben jungen Männern in Begleitung von Frauen mit und ohne Kopftuch, die den Oud-Spieler mit dem Handy filmten und während der Monologe die Plätze wechselten. Treffen der Theaterkulturen.

Wer spricht zu uns? Zunächst ein radikaler Fußballfan. Ein sportlicher junger Mann mit ausdrucksvollem Gesicht. Seine Rolle ist ein Ultra, dem Gewalt nicht fremd ist, ein Anhänger des Kairoer Fußballvereins El Ahly, der gegründet wurde, weil unter britischer Kolonialherrschaft Ägypter zu Clubs oft keinen Zutritt hatten. Dieser antikoloniale Hintergrund wird nicht erklärt.

Die dichte, häufig poetische Sprache rührt an. Aber sie liefert wenig Erläuterung. Wie könnte sie auch erklären, wenn es um so viele unterschiedliche Realitäten geht. Leider eilt die Übertitelung häufig dem Gesprochenen hinterher. Der nicht arabischsprachige Zuschauer muss sich seine Wahrnehmung anders zusammensetzen.

Es geht um den „Tag des Zorns“, den 25. Januar 2011. Der Aufstand kommt aus Tunesien nach Ägypten. Der Ultra macht deutlich: Die Polizei unterdrückt nicht nur Fußballfans, sie fürchtet den nationalen Aufstand. Von wegen unpolitischer Fußball.

Danach spricht ein Kleinkrimineller, der sich als „Dhia Ramad“ vorstellt. Schule hielt er für unnütz, er hätte den Lehrer bezahlen müssen. Also lernte er in der Koranschule seinen Namen schreiben. Heute fordert er „klare Regeln“, Scharia-ähnlich. Etwas zum Festhalten.

Zwei Frauen sprechen. Eine – schmal, Blazer, Ohrringe – erzählt leise von Toten im Leichenschauhaus. Sie will Zeugnis ablegen. Die zweite, mit Kopftuch, spricht von „Ahmad“, dem erschossenen Sohn. Ahmad ist jetzt ein Märtyrer. Ein Soldat rechtfertigt sich: Wir sind Patrioten!

Die meisten Deutschen werden ein solches Stück aus der Draufschau erleben. Es ist, als versuche man in die Nachrichten hineinzuschlüpfen wie in eine fremde Haut. Die Fremdheit überwinden kann es nicht. Aber es ist totenstill, als vorne ein Mensch über die Erschossenen spricht.

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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