Delphine de Vigans Roman „Nach einer wahren Geschichte“

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Großer Auftritt einer Star-Autorin: Delphine de Vigan (rechts, mit ihrer Verlegerin Karina Hocine) nach der Verleihung des Prix Renaudot in Paris.

Die Heldin in Delphine de Vigans Roman „Nach einer wahren Geschichte“ ist die Schriftstellerin Delphine de Vigan. Literatur und Wirklichkeit fallen also ineinander, könnte man meinen. Umso erschreckender, welchen Horror die Ich-Erzählerin erlebt: Eine schöne Unbekannte, L., freundet sich mit ihr an, schleicht sich in ihr Leben, eignet sich die fremde Identität an.

Die überprüfbaren Details sind wohl nicht erfunden. Im Roman erwähnt die 1966 geborene französische Erfolgsautorin ihre zwei Kinder, die sie tatsächlich hat. Am Anfang ist sie auf einer Buchmesse zu einer Signierstunde. Mit dem erfolgreichen Roman, den sie bewirbt und der von ihrer Mutter handelt, kann nur „Das Lächeln meiner Mutter“ gemeint sein, 2011 in Frankreich erschienen. Darin ging es um die psychische Erkrankung ihrer Mutter, die im Selbstmord endet. Der Roman voller persönlicher Details wurde mit Preisen bedacht und zum Bestseller. Hier setzt das neue Buch ein, dessen Protagonistin in eine tiefe Krise abrutscht, die es ihr unmöglich macht, weiter zu schreiben. Der bloße Versuch, ein leeres Word-Dokument am Computer aufzurufen, löst Übelkeit aus.

Nun kommt L. ins Spiel, modisch gekleidet, selbstbewusst und entschlossen, Delphines Freundin zu werden. Eine „Behexung“ nennt de Vigan, was nun geschieht. Die Hilfe bedeutet zugleich Vereinnahmung. L. arbeitet auch als Autorin, allerdings als Ghostwriterin, die Autobiografien von Prominenten verfasst. Sie kümmert sich nun um den Alltag, beantwortet Leserpost und korrespondiert mit Delphines Verlag, ja, sie schreibt sogar ein Vorwort zu einem Klassiker an der Stelle der ermatteten Protagonistin. Am Ende übernimmt L. an Delphines Statt einen Termin bei einer Schule – und ein Junge handelt sich „mit der Frage, ob L. sich einer Schönheitsoperation unterzogen habe, sie sehe jünger aus als auf den Fotos“, eine Rüge seines Lehrers ein. So gut funktioniert das Doppelspiel. Delphines Freund ist befremdet: „Weißt du, manchmal frage ich mich, ob nicht jemand Besitz von dir ergreift.“ L. eignet sich Delphine an, bis deren Leben in Gefahr gerät.

Man fühlt sich an Stephen Kings Roman „Misery“ erinnert, in dem ein Autor von einer psychisch kranken Verehrerin entführt wird. Wie jene Annie hat auch L. genaue Vorstellungen, was Delphine de Vogan schreiben soll. Sie soll nichts erfinden, sondern nur die Wahrheit schreiben, von sich erzählen. „Das ist es, was der Leser von den Romanciers erwartet: dass sie ihr Innerstes nach außen kehren.“ Und L. tut alles, damit das Buch, das sie erwartet, auch geschrieben wird.

Überaus raffiniert spielt Delphine de Vigan in diesem Roman mit dem Verhältnis von Realität und Fiktion. Dem Leser wird ständig versichert, dass er ein Bekenntnis vor sich hat, dass alles hier wirklich geschehen ist. Zugleich lässt de Vigan ihre Figuren immer wieder diskutieren über Erzählkonzepte und Romantheorie, mal ernsthaft, mal als sinnleere Phrase, zum Beispiel wenn ein Filmemacher Delphine vorhält: „Die Wahrheit ist das einzig Wahre.“

An dieser ästhetischen Schnittstelle entlang schrieb de Vigan ihr Buch. Bis zur überaus vertrackten Schlusspointe kann sich der Leser über nichts sicher sein. Das Erzählen oszilliert zwischen einem ganz realistischen Psychothriller, in dem alle Konventionen bedient werden, und einem offen selbstreferentiellen Konstrukt, wie man es im Nouveau Roman und bei den Avantgardisten der Gruppe OuLiPo findet. Einen Jugendlichen in der Metro lässt sie sagen, das Reale habe die Eier, viel weiter zu gehen. Und sie entwirft das Konzept eines Buches, „das sich als wahre Geschichte ausgäbe“. Ein Vorbild mag hier auch der Roman „Lunar Park“ sein, in dem Bret Easton Ellis auch als eigene Hauptfigur agiert, freilich viel grobschlächtiger.

„D’après une histoire vraie“ wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prix Renaudot, und verkaufte sich selbstverständlich auch bestens. Mit guten Gründen. Dieses als Reißer maskierte Literaturexperiment fesselt in seinen emotionalen Abgründen ebenso wie in seinen intellektuellen.

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte. Deutsch von Doris Heinemann. DuMont Verlag, Köln. 350 S., 23 Euro

Quelle: wa.de

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