„Die Franzosen“ bei der Ruhrtriennale in Gladbeck

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Marie de Guermantes (Agata Buzek) beschwört in einer Séance den Geist von Alfred Dreyfus in der Produktion der Ruhrtriennale „Die Franzosen“.

GLADBECK - Essen und Trinken sind die ältesten sozialen Rituale. Wer zusammen isst und trinkt, gehört zusammen; auf welche Art, signalisiert die Wahl des Getränks. Wer Schnaps kippt, will schnell vergessen. Wer Sekt trinkt, will dabei noch den Anschein erwecken, Spaß zu haben. Der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski inszeniert seinen fünfstündigen polnischsprachigen Theaterabend „Die Franzosen“ in der Maschinenhalle in Gladbeck-Zweckel vor einer riesenhaften Edward-Hopper-mäßigen Bar und zeigt an: Hier wird gesoffen und Spaß gehabt, bis in den Untergang, wenn‘s sein muss.

Ideen zu Gesellschaft und Untergang, Ausgrenzung und Heuchelei hat er in Marcel Prousts gigantischem Sitten- und Gesellschaftsroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gefunden. Nacherzählen will er die ca. 4500 Seiten nicht, das wäre kaum möglich. Er nennt sein Stück eine „Reportage frei nach Proust“ und will Prousts Gesellschaftsbeobachtungen und seine Vorliebe für Klatsch zu einer für uns heute relevanten Studie machen. Was er mit 16 Schauspielern und Musikern seines Nowy Teatr in monatelangen Proben erarbeitet hat, ist aber eher eine lange freie Assoziation: gesellschaftliche Konfliktlinien, um die Warlikowski quasi herumdenkt. Das ist spannend, führt aber in die Überfrachtung und endet in Starre.

Es herrscht Krieg, nach außen und innen. Ein junger Mann in Fliegeruniform – Prousts moralisch bekehrter Robert de Saint-Loup – sitzt vor einer grünlichen Projektion seiner Selbst wie das Ziel eines Raketenschlags und isst – vielleicht die berühmten Madeleines. Dabei brüllt er seine Wut auf die Politiker heraus, die Europa in den Krieg geritten haben. Es ist der Erste Weltkrieg, aber auch der Krieg ist im Grunde ein Symbol.

Hauptsächlich konzentriert sich Warlikowski auf das Private im Politischen; und was wäre privater als Intimität, als Sex. Er wird ausgestellt in einer fahrbaren Vitrine, halb Abschottungstool, halb Showstück (Bühne: Malgorzata Szczesniak).

Warlikowskis dekonstruierender Ansatz behält den Erzähler, das Ich des Romans, bei. Bei Warlikowski ist er ein wütender, aber schlaffer junger Mann, der eine unglückliche Ehe mit der lesbischen Albertine führt und nach dem Krieg gealtert und desorientiert wieder auftaucht.

Oriane de Guermantes (Magdalena Cielecka) ist eine Porzellanfigur von Frau; Charles Swann (den Mariusz Bonaszewski als müden Mann spielt, den allein seine Eifersucht lebendig macht) ist eine Laune, die sie sich erlaubt. Das ist im Grunde die Geschichte, die der erste Teil erzählt. Warlikowski staffiert ihn mit starker sexueller Symbolik aus: Videos zeigen Blüten, über die Insekten kriechen, küssende Paare, erst Mann und Frau, dann Männer. Wenn eine Frau gezeigt wird, dann passiv. Frauen sind im Stück oft Opfer von Gewalt. Auch den Bechdel-Test würde das Stück kaum bestehen.

Denn die Frauen sind Nebensache, außer Cieleckas müder, arroganter Oriane erhält keine von ihnen Kontur. Warlikowski erzählt von offen und latent schwulen Männern, die akzeptieren müssen, dass sie, wie immer ihr Stand ist, als Homosexuelle auf unterster gesellschaftlicher Stufe stehen. Die Guermantes lassen die ungeheuerlichsten Beschimpfungen gegen Schwule und gegen Juden lässig aus dem Mund perlen. Der Regisseur zieht eine Verbindung zu Prousts Unterstützung für Albert Dreyfus, den jüdischen Offizier, der vom französischen Staat zu Unrecht wegen Verrats verurteilt wurde. Eine Séance zur Beschwörung des Dreyfus eröffnet das Stück.

Weder die Heuchelei noch die ungeheuren Vorurteile werden überwunden. Stattdessen dekonstruiert Warlikowski auch noch die alte europäische Kultur. Als Charlus (Jacek Poniedzialek), der als enttarnter Schwuler aus der Gesellschaft ausgestoßen wird, im Krieg Orgien veranstaltet, werden zwei männliche Performer – einer davon verkörpert den Ich-Erzähler des Romans– auf Spitzenschuhen ausgestellt. Dazu donnert eine verzerrte Version von Tschaikowskys Grand Adage aus dem Nussknacker aus den Lautsprechern. Der Einsatz des Spitzenschuh-Performers, der immer wieder auftaucht, erinnert an verrätselte David-Lynch-Figuren.

Warlikowski spielt grandios mit Ideen und durchaus auch mit Bezügen zum Heute – die Wutrede des Kriegers Saint-Loup enthält Ausschnitte aus einer Anklage des Schriftstellers Fernando Pessoa aus den 70ern und kann auch aktuell verstanden werden. Aber in seinem Drama der Symbole vergisst er, die Menschen mitzunehmen. Denn auch die Figuren in „Die Franzosen“ sind Symbole.

Warlikowskis Stück ist teils Gedankenexperiment, teils eine Art sexy Revue, eine Klatschstory, die sich Prousts eigener Vorliebe für Gesellschaftsbeobachtung annähert, als solche aber sehr lang gerät und am Ende redundant wird. Die Geschichte der Rahel etwa hätte wegbleiben können.

Warlikowski will Proust unbedingt demaskieren, um den Preis, dass seine Figuren erstarren wie Fliegen im Bernstein. Damit endet auch sein Assoziationsspiel in Müdigkeit und Leere.

Edda Breski

28., 29., 30. August; auf Polnisch mit deutschen und englischen Übertiteln; Tel. 0221 / 280 210

Quelle: wa.de

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