Dritte Ausgabe der Emscherkunst bringt Skulpturen nach Holzwickede und Dortmund

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Großen Schauwert hat der Original-Chiosco aus Venedig von Benjamin Bergmann am Phoenixsee.

DORTMUND - Dieses Naturparadies liegt direkt im Knick der Autobahnen 2 und 45. Doch vom Verkehr hört man nichts. Stattdessen kreischen Möwen, rufen Gänse, krähen Krähen, piepsen Blesshühner, zwitschert die Gebirgsstelze. Ein Vogelparadies an der Emscher, die hier, an der Stadtgrenze zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel, in kleine Seen ausläuft, wo die Tiere brüten. Dabei riecht es furchtbar. Die Emscher ist noch die alte Köttelbecke, der freiliegende Abwasserkanal des Ruhrgebiets. Genau der richtige Ort für Kunst.

Die Berliner Künstlerin Nevin Aladag hat in die brüchige Idylle 60 Beton-Tetrapoden verteilt, über zwei Meter hohe, jeweils sechs Tonnen schwere Wellenbrecher, wie sie auch im Küstenschutz eingesetzt werden. Hier rahmen sie den Nutzweg auf einem Deich, eine brutale Setzung zwischen Gräsern und Schilf. Sie sind Teil der dritten Ausgabe der Freiluftausstellung Emscherkunst. Sie wurden mit viel Bedacht hierher geschafft. Das Gebiet dient als Hochwasserrückhaltebecken für die Emscher, die erst vor wenigen Tagen beim Starkregen mächtig anschwoll. Die Betonstücke unterstreichen die Gewalt der Natur.

Aber die türkischstämmige Künstlerin verweist zugleich auf einen Mythos: Ein türkischer Pilot hat 1957 auf einer Luftaufnahme die Umrisse eines Schiffes entdeckt – der Arche Noah? Aladags Wellenbrecher zeichnen diesen Umriss nach und erzählen von Zuflucht, vom Überleben, von Tieren, aber auch von Menschen. Sehen kann man das nur von oben. Glücklicherweise gibt es den Turm der Hochwasserüberwachung in der Nähe, der für die Dauer der Emscherkunst geöffnet ist, so dass man die Form gut überblickt.

Hier, wo Idyll und Abwasser noch nicht getrennt sind, findet die Emscherkunst zu sich selbst. Die gigantische Freiluftausstellung ist eine Sonderform von Kunst am Bau. Sie begleitet die Renaturierung des früheren Abwasserkanals des Reviers. Der Rückbau des 80 Kilometer langen Flusses läuft seit 1992, wird rund 5 Milliarden Euro kosten und soll in den nächsten Jahren abgeschlossen werden. Für die Abwässer wird parallel zum Fluss ein unterirdischer Kanal gebaut. Die Künstler kommentieren den Prozess mit Arbeiten, die in direktem Bezug zur Umgebung stehen. Viele Werke verbleiben dauerhaft.

Die aktuelle Ausgabe, kuratiert von Florian Matzner, Katja Aßmann und Simone Timmerhaus, bringt von Samstag an 24 Kunstwerke ins Ruhrgebiet, 17 davon neu. Bespielt wird diesmal der Bereich zwischen der Emscherquelle in Holzwickede bis zur Alten Kläranlage in Herne. Die Werke wurden in sieben Arealen konzentriert.

Schwerpunkt ist Dortmund. Der Phoenixsee zum Beispiel holt das Wasser an die Oberfläche, das jahrzehntelang unterirdisch unter der Hermannshütte verlief. Das Stahlwerk wurde nach China verkauft, seit gut zehn Jahren entwickelt sich der See zum Wohn- und Freizeitort. Ein Erfolg für die Flusssanierer.

Mitten auf dem Flaniersteg steht ein Kiosk. Das Angebot? Erinnerungen an Venedig. Schaukelnde Nippes-Gondeln für die Fensterbank. Sonnenbrillen, T-Shirts, Schirme, Karnevalsmasken. Das weckt zwar Urlaubserinnerungen. Aber es gehört nicht hierher. Der Münchner Künstler Benjamin Bergmann hat den „Chiosco“ aus Venedig hierher geholt und den Verkäufer Danilo mitimportiert. Ein gewollter Fehler, erläutert Bergmann, „und das Schöne am Absurden ist: Man fängt an nachzudenken“. Der Kiosk ist älter als der Ort, seine Patina lässt den Besucher die Künstlichkeit des Phoenixsee-Idylls spüren. Ein subversiver Kontrast und Konzeptkunst, die das Zeug zum Publikumshit hat. All den – überwiegend in China gefertigten – Tinnef kann man kaufen. Allerdings auch eine spottbillige Serie von Ansichtskarten, die von bekannten Künstlern wie Roman Signer, Lawrence Weiner und anderen Emscherkunst-Teilnehmern gestaltet wurde.

Geht man um die Ecke, stößt man auf ein Ladenlokal ohne Waren, aber mit einem Kino. Hier zeigt der niederländische Künstler Eric van Lieshout sein gut halbstündiges Video „Die Insel“, das er auf der künstlichen Insel im Phoenixsee gedreht hat. Auch diese Arbeit unterläuft die Harmonie vom Reißbrett. Der Künstler hielt sich vier Monate lang tagsüber auf der Insel auf – und stieß mit Anwohnern zusammen. Ein Protestbrief richtete sich gegen ein Monument aus einem Foto auf einem Steinhaufen. Das sei „gewaltverherrlichend“ und müsse verschwinden. Lieshout reagiert mit absurdem Puppenspiel, indem er zum Beispiel einen Holzpfahl als Protestierer auftreten lässt, den er wüst beschimpft und demütigt. Die Parkbank versteckt er unter einem Tarnteppich aus Maschendraht und „umgepflanzten“ Wildkräutern. Der Kampf darum, wer über die Insel verfügen darf, entlarvt die Anspruchs-Haltung der bessergestellten Neusiedler.

Andere Arbeiten sind gefälliger, die silbrigen Skulpturen von Lucy und Jorge Orta zum Beispiel, die als Vogelfrau und Totem mit Elster für den Aufbruch der Region stehen. Oder Natalie Jeremjenkos „Urban Space Station“ auf einem Dach, die mit Gemüse die Abluft der Wohnhäuser reinigen soll.

Weiter geht die Fahrt – hin unter die monströse Stadtautobahnbrücke. Dort entdeckte das Berliner atelier le balto einen Hain aus Haselbäumen, den es mit Holzstegen zur „Kunstpause“ umformte, einer Kapelle aus Laub und Zweigen. Wenige 100 Meter weiter steht die Skulptur „Zur kleinen Weile“ des raumlabors, von außen ein meterhoher schwarzer Tropfen, ein Kohlebrocken vielleicht? Von innen öffnet sich der Beton zu einer runden, gold-schimmernden Höhle.

So kommunizieren die Künstler mit dem Fluss und seinen Ufern. An der Emscherquelle errichtete der schwedische Künstler Henrik Håkansson zwei große Würfel, in denen sich Bienen ansiedeln können, „The Insect Societies“. Und er säte für sie gleich eine Blumenwiese aus. Die Koreanerin Sujin Do hängt einen Kronleuchter aus 100 Grubenhelmen in den Kohlebunker der Zeche Zollern. Der US-Künstler und documenta-Teilnehmer Mark Dion hat seine Vogelbeobachtungsstation, die 2013 an der Emschermündung in den Rhein stand, sehr passend am Hochwasserrückhaltebecken platziert. In Henrichenburg stehen die Holzhütten der Gruppe Observatorium, „Warten auf den Fluss“, die man wie Hotelzimmer mieten kann. Und im Yachthafen am Herner Meer steht Bogomir Eckers mehr als 20 Meter hohe, gelbe Stele „reemrenreh (kaum Gesang)“, eine Skulptur, auf der der Wind musiziert.

Zur ersten Emscherkunst 2010 kamen 200 000 Besucher, zur zweiten waren es schon 255 000. Die dritte Ausgabe sollte mit der gleichen Erfolgsmischung aus bedeutender Kunst und wilder Natur an unerwarteten Schauplätzen auch ihr Publikum finden.

Die Emscher wird wieder zum natürlichen Fluss – und bekommt internationale Kunst an ihre Ufer. Zur Eröffnung gibt es am Samstag ab 14 Uhr ein großes Fest am Burgplatz, direkt am Phoenixsee.

Emscherkunst bis 18.9., di – so 10 – 18 Uhr. Tel. 0201/104 3011

Es wird empfohlen, die Ausstellung mit dem Fahrrad zu erkunden, die man an Ankerpunkten am Bahnhof Holzwickede und am Dortmunder U ausleihen kann. Man sollte zwei Tage für die komplette Tour einplanen. Hilfreich ist eine Kunst- und Radkarte (9 Euro).

Katalog in Vorbereitung, Kerber Verlag, Bielefeld, ca. 40 Euro

Quelle: wa.de

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