Festival Klangvokal beginnt mit „Il Nabucco“ von Michelangelo Falvetti

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Das Oratorium „Il Nabucco“ von Michelangelo Falvetti lief zur Eröffnung des Dortmunder Festivals Klangvokal.

DORTMUND - In seiner Bearbeitung der Geschichte von „Nabucco“ hat Giuseppe Verdi der Opernwelt einen der größten Schlager geschenkt: den Gefangenenchor „Va pensiero“. Gleiche Szene, mehr als anderthalb Jahrhunderte früher. Die gefangenen Israeliten beklagen ihr Los in einem melancholischen Quartett. Darin treten auf: die drei zu Verwaltern erhobenen Israeliten und der Prophet Daniel. 1683 wurde am Dom zu Messina das Oratorium „Il Nabucco“ des Domkapellmeisters Michelangelo Falvetti aufgeführt.

Danach ruhte es in der Versenkung, bis es durch die Cappella Mediterranea und den Choeur de Chambre de Namur unter Leitung von Leonardo García Alarcón vor einigen Jahren ans Licht geholt wurde. Das Ensemble präsentierte es zur Eröffnung des Festivals Klangvokal in der Reinoldikirche zu Dortmund.

Falvettis Musik illustriert durch ein barockes Tableau. Die Geschichte von Glauben und Gottvertrauen der drei jungen Männer im Feuerofen aus dem alttestamentarischen Buch Daniel kleidete er in eine schillernde, anspielungsreiche Handlung.

Weil die Musik aus Archiven stammt und kein Rückgriff auf eine Aufführungspraxis möglich ist, wurden die Stimm- und Orchesterparts rekonstruiert. Es gibt auch keine Notizen über die Besetzungsstärke. Welche Instrumente dabei sein sollten, musste über Umwege erschlossen werden, etwa, indem man ermittelte, wie viele Instrumentalisten der Dom zu Messina Ende des 17. Jahrhunderts zur Verfügung hatte. Für die Aufführung in der Dortmunder Kirche nutzte das Ensemble barocke Blasinstrumente wie Zink und Posaunen, aber moderne Violinen, um einen tragfähigeren Klang in dem hohen Raum zu erreichen. Chor und Orchester zeichneten sich durch Farbreichtum aus.

Vorangestellt ist eine Szene, in der der Fluss Euphrat die Hochmut und die Götzenanbetung nach Babylon schickt, um den vermessenen König ins Unheil zu reißen. Theorben und Flöten umspielen wie Wellen den Auftritt des Eufrate (Bassist Matteo Bellotto mit einer Tiefe so klar wie Glas). Superbia und Idolatria (Lucia Martin Carton und Mariana Flores) haben Freude am Untergangsspiel. Die beiden legen in ihr Duett sogar eine lustvolle Vorfreude.

Die Handlung springt an den Königshof. Die Sinfonias – im Barock noch eine Orchestereinlage in einer theatralischen Handlung – erzählen von Nabuccos Prachtentfaltung und seiner Angst vor dem Sturz. Der König schlummert, umwiegt von den Theorben, aber schon bedroht von kurzatmigen Violinen und Trommelwirbeln. Derweil preist sein Heerführer Arioco des Herrschers Schlaf in Naturbildern.

Der Countertenor Raffaele Pé gibt der Aufführung eine präsente Sinnlichkeit, von der Nachtstimmung bis zu dem Furor, den der Heerführer entfesselt, als er seinen König durch die israelitischen Jünglinge missachtet sieht. Nabucco wird gesungen vom wunderbaren Tenor Fernando Guimaraes, der große Lust am Spiel hat und seinem Nabucco etwas Posenhaftes mitgibt: der Herrscher, der sich beim Herrschen beobachtet. Gegen Nabuccos Selbstverehrung stellt Joao Fernandes‘ Daniele einen etwas statischen Prophetenton.

Die drei Jünglinge sind mit Frauenstimmen besetzt, um Jugend und Zerbrechlichkeit anzudeuten. Caroline Weynants, Mariana Flores und Lucia Martin Carton begegnen den Zitaten und Anspielungen der Musik mit einer wandelbaren, stets sinnlichen Qualität. Die drei Arien der Jünglinge im Feuer sind kleine Juwelen und lohnen allein schon das Anhören. Weynants legt eine fast mädchenhafte Hingabe hinein. Flores‘ Arie ist ein hingebungsvolles Werk, gesungen mit leuchtenden Bögen. Die dritte Arie beginnt graziös und endet mit einem reizvollen Wechsel von Sopran und Chor und einem Verweis auf das Symbol der Rose, Zeichen für Mysterium, Liebe, Hingabe.

Bis 12.6., Tel. 0231 / 50 29 996, www.klangvokal-dortmund.de

Quelle: wa.de

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