Fotos und Filme von Roger Ballen in der Von-der-Heydt-Kunsthalle

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Verstörendes Ansichten der Landbevölkerung in Südafrika: Roger Ballens berühmtes Doppelporträt der Brüder „Dresie and Casie“ (1993) ist in Wuppertal zu sehen.

WUPPERTAL - Im Video „Asylum Of The Birds“ steht Roger Ballen auf einer Mülldeponie, während er sich aus dem Off vorstellt. Ein Schwarm Vögel steigt auf. Ballen spricht von seiner Faszination für die Tiere, und dann ahmt er mit den Armen Flügelschläge nach. Dann hält er einen toten Vogel in die Kamera, spreizt die Schwingen. Es ist nur das Vorspiel für eine Fahrt in einen Slum von Johannesburg, in das Vogel-Asyl.

Ballen betritt das mit Graffiti bemalte Haus, und er scheint in eine Unter- oder doch Anderwelt zu wechseln, dunkel, fremd, surreal. Menschen liegen auf dem Boden, Tiere laufen über sie hinweg, Hühner, Tauben, Schweine, Hunde, Fliegen. Und der zahnlose Mann in der Badewanne, den Ballen so herzlich begrüßt, ahmt mit schnalzenden Lippen das Gegacker nach.

Sechseinhalb Minuten dauert der Film, in dem Ballen von einem seiner Projekte erzählt. Aber was da in der Von-der-Heydt-Kunsthalle in Barmen zu sehen ist, hat mit nüchterner Chronik kaum zu tun. Der Fotograf führt in seinen Bilderkosmos, und er zeigt, wie sich in Bildern und Filmen eine harsche Wirklichkeit mit einer verstörenden Ästhetik mischt. Die Ausstellung in Wuppertal ermöglicht die Begegnung mit einem Star der internationalen Foto-Szene.

Ballen, 1950 in New York geboren, kam schon als Kind mit der Fotografie in Berührung. Seine Mutter arbeitete für die Agentur Magnum. Ballen kam 1974 als Geologe nach Südafrika. Seine Arbeit führte ihn in die Dorps, in ländliche Regionen. Dort waren die Weißen nicht, wie vom rassistischen Apartheidsstaat propagiert, die Herrenrasse, kultiviert, dazu bestimmt, den schwarzen Südafrikanern die Zivilisation zu bringen. Ballen begegnete verarmten Menschen, die von ihrer Existenz gezeichnet waren. Seine Fotos dieser oft entstellten, schieläugigen, schiefmäuligen, zuweilen völlig geistesabwesend dreinschauenden Buren wurden berühmt. Zum Beispiel das Porträt der Zwillinge Dresie und Casie (1993), stiernackige junge Männer mit abstehenden Ohren, apathisch in die Kamera glotzend, das Hemd des einen verdreckt. Und wer genau hinsieht, bemerkt den Speichelfaden, der dem Linken von der Unterlippe hängt. Als das Foto erschien, war die weiße Vorherrschaft in Südafrika ohnehin schon am Ende, 1994 endete die Rassentrennung. Aber Ballens Bilder waren für die Machthaber eine Provokation, obwohl sie nicht politisch motiviert waren. Man erkennt in den frühen Porträts das große Vorbild von Ballen, den US-Dokumentarfotografen Walker Evans, der ganz ähnliche Aufnahmen von weißen Landarbeitern in den 1930er Jahren machte.

Gleichwohl berühren die Aufnahmen, die tiefes Elend und persönliche Einschränkungen zeigen, dabei aber den Respekt vor dem Menschen wahren. Brian, der 1987 mit seinem Schwein auf dem Bett schmust, vor einer Wand, an der die Tapete sich löst, im löchrigen T-Shirt, wirkt nicht wie ein Freak. Und Sergeant F. De Bruin von der Gefängnisverwaltung (1992) hat zwar fast so große und abstehende Ohren wie die Zwillinge, und auch sein Schädel wirkt ungewöhnlich klobig. Aber in seiner Uniform blickt er uns sehr fokussiert entgegen. Und der städtische Arbeiter, der da im schmuddligen T-Shirt neben seiner größeren, schwangeren Frau steht (Transvaal 1994), wirkt doch auch rührend, wie er sich in Positur wirft.

Im Film „Asylum Of The Birds“ sieht man, wie Ballen einen Bewohner des Vogelasyls bittet, ein Gesicht an die Wand zu malen, ehe er sein Foto macht. Er dirigiert seine Modelle. Was vor die Kamera kommt, wird zunehmend Inszenierung. Die Ästhetik der abgewirtschafteten Orte, der schäbigen Slums bleibt. Aber Ballen behandelt seine Modelle wie Stan, der tagsüber Ratten fängt und sie abends wieder laufen lässt, freundschaftlich, umarmt sie, erläutert, was er vor hat, bindet sie ein. Man muss das bedenken, wenn man schockiert sieht, wie ein Mann auf allen vieren durch verschmutzte Räume krabbelt, unter Drahtgestellen hindurch. Wenn einer sein Glasauge herausnimmt und man die leere Augenhöhle in Großaufnahme sieht. Oder wenn sie ein Huhn schlachten, das erst kopflos herumflattert, dann im offenen Feuer gegart und später verzehrt wird. Es passiert, es ist einerseits real, aber es ist immer auch ein Auswuchs der künstlerischen Phantasie, von Ballen und von seinen Partnern. Zeichnungen und Eingriffe in die Räume werden in den Fotos immer wichtiger, zuweilen sind die Menschen erst auf den zweiten Blick erkennbar wie in „Head Inside Shirt“ (2001).

Im letzten Raum sieht man auch Ballens größten Hit, das Video, das er mit der Avantgarde-Gruppe Die Antwoord drehte: „I Fink U Freeky“ (2012), ein etwas nerviger Techno-Rap, bei dem Sängerin Yolandi Visser auf Tüchern liegt, aus denen Arme nach ihr Greifen, und über sie laufen Ratten. Und Rapper Ninja zeigt seine Tattoos und seine Zahnlücken. Inzwischen wurde der Film mehr als 80 Millionen Mal auf Youtube angeschaut.

Bis 7.8., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0202/ 563 65 71, www.

von-der-heydt-kunsthalle.de

Die Antwoord tritt am 16.8. im Amphitheater Gelsenkirchen auf, www.concertteam.de

Quelle: wa.de

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