Frank Behnke inszeniert in Münster Hebbels „Nibelungen“

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In Treue fest und voller Todesangst: „Die Nibelungen“ mit Volker (Christoph Rinke), Giselher (Joachim Foerster), Hagen (Jonas Riemer) und Gunther (Janco Lamprecht, von links) in Münster.

Münster - Hagen schleudert einen angebissenen Apfel, und der zerplatzt. Sie sind ja so naiv, diese Burgunder. Finden nichts dabei, dass Kriemhild den Hunnenkönig Etzel heiratet und sich damit auf einen Schlag all die Kämpfer und Waffen verschafft, um den Tod Siegfrieds zu rächen. Jonas Riemer lässt Hagen Tronje aufbrausen. Doch der sinistre Onkel von König Hagen, Kriemhild und Giselher ist hier kein großer Realpolitiker, sondern ein Apfelwerfer. Er denkt bloß von einem Schachzug zum nächsten: Nachdem seine jüngste Problemlösung alles noch schlimmer gemacht hat, muss ein weitere Schweinerei getan werden. Und dann die nächste.

Frank Behnke inszeniert in Münster „Die Nibelungen“ und hat Hebbels Dramentrilogie (1861) im Großen Haus auf drei Stunden konzentriert. Den mittelalterlichen Stoff spitzt er auf die barbarischen Denk- und Handlungsmuster zu, die im Gemetzel an Etzels Hof münden. Und er verknüpft den Untergangsmythos mit der gegenwärtigen politischen Landschaft: als ein abschreckendes Exempel für die nicht totzukriegende Gewaltbereitschaft.

Ein Text von Falk Richter identifiziert die Nibelungen ausdrücklich mit den völkischen Abschottungsparolen und Gewalttaten der Rechten: „Was entgegne ich einem Menschen, der nicht zugänglich ist für rationale Gedanken, wie schaffe ich etwas aus der Welt, was bereits tot ist, aber wieder auferstanden ist?“ Das ist nach Siegfrieds Tod in Frakturschrift auf dem Eisernen Vorhang zu lesen; ansonsten lässt Behnke der Heldensage ihren Lauf.

Die Ausstattung unterstreicht Hebbels Pessimismus. Die schwarze Bühne von Peter Scior besteht aus zwei Treppen, die vordere lässt sich in den Orchestergraben versenken, die hintere verengt sich zum Trichter: kein Ausweg. Schwarz sind auch die Kostüme, Ausnahmen macht Bernhard Niechotz nur für die weißen Brautkleider Brunhilds und Kriemhilds und Siegfrieds goldenen Aufzug. Sonst kombiniert er Kettenhemd, Springerstiefel und Businessanzug zum zeitlosen Zombie-Outfit.

Auf neun Schauspieler hat Behnke Hebbels Text gekürzt und die Figuren dabei weitgehend entmythisiert, nicht nur Hagens brutal-banausige Realpolitik: Janco Lamprecht hat als Gunther dessen Blut-und-Ehre-Geschwafel wenig entgegenzusetzen; er zeigt den Burgunderkönig erst als freundlichen Schwächling, später als Resignierten und immer ein wenig ungeschickt. Sein junger Bruder Giselher (Joachim Foerster) wird sich kurz vor Ende an die Nibelungentreue klammern, weil er nichts anderes kennt. Sandra Bezlers Brunhilde ist keine Walküre, sondern sehr selbstbewusst und tough. Ihr Disput mit Kriemhild (Claudia Hübschmann) auf der Domtreppe ist ein tolles Duell zweier Frauen, die sich nichts schenken.

Garry Fischmann tritt als Siegfried mit einem Trupp blonder Haudegen auf. Er ist ihr Held, den Job wird er nicht mehr los, und fast alles, was er sagt, brüllen seine Recken-Klone unisono mit. Oder sie skandieren „Sieg!“ „Fried!“ Eine Witzfigur ist er trotzdem nicht, sondern sogar ein bisschen rührend, wie er nach dem richtigen Ton sucht für seine Frage: „Kriemhild, willst du mich?“ Er gerät in die Mühlen von Hagens Machenschaften, als er Gunther Brunhild als Braut beschafft und später auch noch die Hochzeitsnacht für ihn erledigt: Da muss er den Helden geben. Und schließlich muss er weg.

Behnke zeigt ein energievolles Drama, das das Münsteraner Ensemble mit großem Einsatz umsetzt. Trotzdem bleiben viele Motive auf der Strecke, mit denen Hebbel die Beweggründe seiner Figuren präzise ansteuert und die ihnen mehr Tiefenschärfe geben als hier zu sehen. Brunhilds Eifersucht auf Kriemhild zum Beispiel, die den von ihr begehrten Mann bekommt, macht die Verachtung für Gunther viel plausibler. Oder Kriemhilds eisiges Kalkül, ihren Sohn Odnit (hier eine Marionette) zu opfern, um die Hunnen endlich zum Vernichtungsschlag gegen die Burgunder anzustacheln. Danach spritzt hinter einer Plastikplane das Blut.

30. September; 9., 11., 21.Oktober; 4., 13., 30. November,

Tel. 0251/5909 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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