Frank Behnke inszeniert Shakespeares Tragödie „Othello“ in Münster

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Auch wenn es nicht so aussieht: Der Weißhäutige hat die Situation immer im Griff. Szene aus „Othello“ in Münster mit Maximilian Scheidt (Jago, links) und Yasin El Harrouk (Othello).

MÜNSTER - Der Mohr tritt vom Balkon auf. Im Schlaglicht heult er irgendwie pseudoorientalisch sein Sehnsuchtslied an „Desdemona“, ihr Name ein exotischer Gesang über pochendem Trommeltakt (Live-Musik: Dominik Hahn). Der Mann ist fremd hier, das erkennt der Besucher des Theaters Münster auf den ersten Blick.

Wer darf den „Othello“ in Shakespeares Tragödie spielen? Für Schauspieldirektor Frank Behnke ist das ein Problem. Ein geschminkter Europäer passt aus Gründen der political correctness nicht, findet das Team. Überall lauert Rassismus. Diese Logik freilich setzt alle Mechanismen des Theaters außer Kraft. Wenn man diese Regeln zugrunde legt, dürfte nur ein Buckliger den Richard spielen, ein Jude den Shylock und ein Däne den Hamlet. Darstellung bedeutet doch Nicht-Identität. Man verstrickt sich hier in einem Regelwerk, das am Ende Theater unmöglich macht.

In Münster verkörpert Yasin El Harrouk die Titelfigur, ein Stuttgarter, dessen Eltern aus Marokko stammen. Man hat ihn vielleicht schon im München-„Tatort“ gesehen. Der Mann ist zum Glück mehr als ein Quoten-„Mohr“, er hat das Charisma, die Autorität für einen Othello (auch wenn er manchmal nicht gut verständlich spricht).

Was könnte man aus so einer Besetzung machen? Behnke verspielt leider viele Möglichkeiten, weil er sich nicht entscheiden kann. Statt dem Drama ein Zentrum zu geben, probiert der Regisseur allerlei Ideen aus, ohne sie dem Spielverlauf einzufügen. Wenn am Anfang der Senat und der Doge Kriegsrat halten, tragen sie Masken, moderne Uniformen und sprechen in Mikrophone das Vokabular der aktuellen Flüchtlingsdebatten. Nun ist „Othello“ kein Stück über den Sinn von Kriegen. Und die Szene bleibt isoliert, wird später nicht mehr aufgegriffen.

Desdemonas Vater Brabantio (Gerhard Mohr), der so vehement dagegen ist, dass sich seine Tochter mit dem Mohren einlässt, hat seinen ersten Auftritt mit runtergelassenen Hosen bei einer Hure. Glaubt Behnke wirklich, dass das Publikum die Engstirnigkeit des Mannes anders nicht erkennt? Und Lilly Gropper (Desdemona) und Claudia Hübschmann (Emilia) staksen auf High Heels, mit knappsten Röcken und Sonnenbrillen als Proll-Flittchen daher. Das gibt der Text nicht her, ja, es unterläuft ihn. Die tragische Fallhöhe entsteht ja dadurch, dass Othellos Frau treu und ehrlich ist. Und auch Behnkes Inszenierung verfolgt das nicht weiter. Ganz zu schweigen von der seltsamen Lichtergirlande, die Desdemona trägt und die vermutlich ihre Reinheit symbolisieren soll. Am Ende stranguliert Othello damit seine Frau, so ist das Ding wenigstens zu etwas nütze.

Auch zu seiner Besetzung fällt Behnke zu viel ein, womit er zu wenig macht. El Harrouk zeigt, dass er den Feldherrn auf verschiedene Weisen anlegen könnte. Einmal streift er Boxhandschuhe über und schlägt in die Luft, während er Jago ins Kreuzverhör nimmt. Da könnte er gut der Emporkömmling sein, mit etwas Unterschichtenmanieren, manche Sätze spricht er im Straßenton à la „Was guckstu“. Gegenüber Desdemona gibt er sich manchmal wie ein Gangstarapper. Dann wieder ist er ganz der Fachmann, die moderne Führungskraft, der wohlerzogene Bürger. Eine Regie-Linie ergibt sich aus all diesen Ansätzen nicht.

Was die recht biedere Inszenierung rettet, sind die Protagonisten, die Unstimmigkeiten überspielen. Neben El Harrouk ist das vor allem Maximilian Scheidt als Jago. Der so harmlos wirkende Lockenkopf wirbelt als Strippenzieher durch das Geschehen. Ihm fällt immer etwas ein, er verdreht nicht nur Othello den Kopf, sondern auch dem tumben Roderigo (Jonas Riemer) mit seiner furiosen Ansprache: „Mach Geld locker“. Bei der Premiere war er durch eine Halsentzündung indisponiert. Der Zuschauer merkte nicht viel davon.

Das Publikum spricht er über das Mikro an wie ein Showmoderator, und er singt mit süßem Schmelz den Amy-Whitehouse-Song „Love Is A Losing Game“. Bei der Liebe kann man nur verlieren, darum mag es gehen in Shakespeares Tragödie. Und es gilt für Mitteleuropäer wie für Mohren.

18., 20., 25.9., 1., 7., 10., 16., 18.10., 17.11.,

Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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