Frank Hoffmann inszeniert Calderóns „Das Leben ein Traum“

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Sie alle träumen: Szene aus der Calderón-Inszenierung bei den Ruhrfestspielen mit Nicolai Despot, René Nuss, Annette Schlechter, Konstantin Rommelfangen, Roger Seimetz, Wolfram Koch und Alexander Schmidt (von links).

RECKLINGHAUSEN - Es ist ein beliebtes Spiel, sich zu überlegen, was ein Kopf der Kulturgeschichte heute anstellte. Wäre Goethe Fernseh-Philosoph, und würde Shakespeare Netflix-Serien schreiben? Frank Hoffmann, Intendant der Ruhrfestspiele, befragt in seiner Inszenierung in Recklinghausen einen der Großen des Welttheaters, was von seinen Theater-Ideen heute bleibt: Calderóns „Das Leben ein Traum“ bringt er mit der Bearbeitung von Pier Paolo Pasolini von 1973 zusammen. Der Aktualisierungsversuch misslingt.

Dabei bietet Hoffmann ein Starensemble auf: Wolfram Koch als Sigismondo, der bei Calderón von seinem Vater wie ein Tier gefangen gehalten wird, weil seine Entwicklung zum Gewaltherrscher prophezeit wurde. Und Dominique Horwitz als König Basilio, hier ein machtgeiles Ekel.

Die Hauptfigur ist Rosaura, die bei Calderón ihre Ehre wieder herzustellen versucht, indem sie als Mann verkleidet ihren Verführer wiederfindet. Hoffmann zeigt zwei Rosauras: der jungen (Jacqueline Macaulay) steht, wie ein müder Schutzgeist, eine ältere Inkarnation bei. Hanna Schygulla erscheint als schwärmerische Prophetin, eine Märchenfigur.

Mit Pasolini schickt Hoffmann Rosaura durch drei Leben. Sie wacht auf in Spanien 1967 in einer Familie von Franco-Anhängern. Basilio hasst Bürgerliche und Juden und reckt nach dem Beischlaf den Arm zum Hitlergruß. Seine Frau Lupe (Anne Moll) wurde einst vergewaltigt, das Ergebnis ist Rosaura. Der Vater, Sigismondo, war im Bürgerkrieg ein Linker und bestrafte mit dem Akt seine Ex, eine Parteigängerin Francos.

Die zweite Sequenz spielt in einem Bordell am Hafen von Palermo 1979. Rosaura, nun eine Prostituierte, findet ihren Sohn wieder, einen weltfremden Linkstheoretiker. Auch er stammt aus einer Vergewaltigung, der Vater ist Sigismondo. Jacqueline Macaulay gibt der spanischen Rosaura einen nöligen Kinderton, der Palermo-Rosaura raue Verlorenheit mit.

Am besten ist der erste „Traum“ gelöst. Hoffmann zitiert, wie Pasolini, das Gemälde „Las meninas“ von Velasquez und spielt dabei mit Crossdressing (Kostüme: Susann Bieling). Die Darsteller treten aus dem Bild, dem Publikum wird ein großer Spiegel vorgehalten. Dazwischen schneidet Hoffmann Szenen aus dem Calderón-Drama wie kleine Fenster. Stückfragmente überlagern sich, ein neuer, dichter Text entsteht. Wolfram Koch als Sigismondo spielt einen Verrückten, der nach Realitätsfetzen schnappt. In barocken Schuhen und Unterwäsche ausgestellt, pflegt er das Irresein. Er trillert wie ein ganzes Vogelhaus, er fährt sich wie eine leckende Katze mit dem Arm übers Gesicht, und zeigt unter all den Ticks verängstigte Menschlichkeit. Das ist der einzige Moment des Abends, in dem die Kraft des Theaters, die Hoffmann beschwören will, zu wirken beginnt.

Aber weder Horwitz‘ giftpilziger Basilio mit seinen dämonenhaften Sidekicks Leukos („der Weiße“) und Melainos („der Schwarze“) noch Schygullas Prophetenton beleben die langen Sequenzen, in denen Hoffmann sich an Theorien der 60er und 70er Jahre abarbeitet. Lakonische Sätze aus Pasolinis Theatertheorie werden auf Italienisch zitiert. Zwischen den „Träumen“ spielen kurze Bilder auf die bis heute nicht aufgeklärte Ermordung Pasolinis am Strand von Ostia 1975 an. Die Figur des Pasolini wird verkörpert von der Figur Sigismondo (Koch). Das bleibt aber nur dramaturgische Behauptung.

Hoffmann fächert Theatermoden auf, indem er die Figuren „beiseite“ sprechen lässt, dem nackten Sigismondo den Hintern versohlen und die Schauspieler ihre Handlungen thematisieren lässt. Zwischendurch filmt eine Videokamera. Ein karger Betonbau (Bühne: Ben Willikens) dient als Projektionsfläche.

Die dritte Sequenz springt ins Jetzt: Deutschland, die Flüchtlingsunterkünfte brennen. Die Spießbürger werden mit großem Ekelfaktor angeführt von Dominique Horwitz. Ein Flüchtling taumelt herein und hält eine anklagende Rede. Er und Rosaura, eine mit Drogen ruhiggestellte Familienmutter, erleben eine tiefere Verbindung. Besonders dieser „Traum“ dreht sich um seine eigene politische Aussage. Die Konstruktion ist so offensichtlich, die Selbstanklage so deutlich, dass vor lauter Botschaft kein Moment an interessanter Theaterhandlung bleibt.

In der vorletzten Szene imaginiert sich Hanna Schygullas Rosaura als Sterbende im Konzentrationslager und erträumt eine Rettung mit „roten Fahnen“. Der Kommunismus als lebendige Utopie? Da war doch seit den 70er Jahren noch was passiert, aber das blendet Hoffmann aus. Die melancholische Schlussszene, als Rosaura, dieses Mal auf Spanisch, „Das Leben ist ein Traum“ singt, kollidiert heftig mit dem Lager-Monolog. Die Lager waren grausame Realität. Hoffmann benutzt sie als Zeichen dafür, dass es auch in der Hölle Hoffnung geben kann. Aber da er sich nicht entscheiden kann, ob er eine persönliche oder eine politische Geschichte erzählt, bleibt das ein Versatzstück. Etwas Ausgestelltes.

12., 13., 14.5., Tel. 02361/ 92 180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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