Garry Dishers grandioser Kriminalroman „Bitter Wash Road“

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Garry Disher

Paul Hirschhausen hat es nach Tiverton verschlagen, drei Stunden nördlich von Adelaide, wo in Australien die Provinz ganz tief ist. Eine Wildnis, in der die Polizisten von Sergeant Kropp Leute schikanieren. Strafzettel verteilen, Alkoholkontrollen vornehmen, Aborigines in den Busch verschleppen, verprügeln und sie allein nach Hause laufen lassen. Warum? „Sie brauchen keinen Grund, wenn Sie einer von Kropps Jungs sind.“ Hirschhausen, der Held in Garry Dishers Roman „Bitter Wash Road“, gehört nun dazu.

Er ist nicht grundlos hier. Und man empfängt ihn auch nicht mit offenen Armen. Denn Hirsch, wie ihn alle nennen, hat selbst Dreck am Stecken. Er hat in Adelaide mit korrupten Kollegen gearbeitet. Und auch wenn er vorsichtig war, hat er zu spät ausgesagt. Nun muss er sehen, dass er nicht selbst als käuflich angeklagt wird – seine Gegenspieler kämpfen mit allen Mitteln, bis nach Tiverton reicht ihr Arm.

Und dort trifft Hirsch Verhältnisse, die kaum besser sind. Kropps Jungs eben. Dann fallen draußen auf dem Land, in der titelgebenden Bitter Wash Road, Schüsse. Kurz darauf wird ein totes Mädchen am Wegesrand gefunden. Immer unübersichtlicher wird die Lage, und Hirsch weiß nie, wem er trauen kann.

Garry Disher, 1949 in Südaustralien geboren, gehört zu den besten internationalen Krimi-Autoren. Für den Roman „Beweiskette“ aus seiner Serie um Inspector Hal Challis bekam er 2007 den wichtigsten australischen Krimi-Preis, den Ned Kelly Award. In den Romanen um den Gangster Wyatt wechselt er die Perspektive, zeigt den Verbrecher als Berufstätigen. Und auch in „Bitter Wash Road“ bringt er mit Hirsch einen überzeugenden Protagonisten in ein Milieu, das sofort fesselt. Tiverton erinnert an eine jener Westernstädte, die in die Hand eines tyrannischen Sheriffs gefallen sind. Nur dass hier die Machtverhältnisse noch undurchsichtiger sind. Das tote Mädchen führt Hirsch zu einem Netz von sexuellem Missbrauch, in das eine Menge lokale Größen verstrickt sind. Der Polizist muss nicht nur mächtige Täter entlarven, er muss auch sich selbst absichern. Mit dem Kriminalfall zeichnet Disher das tiefenscharfe Bild einer Gesellschaft, die vom Verfall alter Strukturen, von Sexismus und Rassismus geprägt ist. Die großen Farmen machen Verlust. Ehen zerbrechen. Männer erpressen Sex von Mädchen, die bei kleinen Diebstählen oder mit Drogen erwischt wurden. Selbst die Kinder spielen hier mit Gewehren. Und nicht einmal die Ordnungskräfte arbeiten korrekt. Man regelt die Dinge im Busch anders, sagt einer, der alkoholisiert am Steuer erwischt wurde: „Leben und leben lassen, geben und nehmen. Wir machen Ausnahmen. Es funktioniert.“

Disher schreibt in einem lakonischen, gleichwohl sehr genauen Stil, mit knappen Sätzen umreißt er die Trostlosigkeit Tivertons, macht den Niedergang fest an Äußerlichkeiten: „Keine Bank, keine Apotheke, kein Arzt, Anwalt, Zahnarzt oder Steuerberater und keine Highschool.“ Wunderbar, wie er die Lethargie der Landschaft einfängt, durch die Hirsch zu einem Einsatz fährt: „Sonst rührte sich nichts, dabei fuhr er durch eine Landschaft, die geradezu danach lechzte, dass sich etwas bewegte. Vögel, die wie aus Blech gestanzt wirkten, beobachteten ihn von Stromleitungen aus. Farmhäuser kauerten stumm hinter Zypressen, Landmaschinen warteten reglos auf Koppeln, bis er vorbeigefahren war.“

Garry Disher: Bitter Wash Road. Deutsch von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich. 344 S., 21,95 Euro. Disher liest beim Festival Mord am Hellweg am 11.11. in Hamm und am 12.11. in Schwerte, www.mordamhellweg.de

Quelle: wa.de

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