25. Geierabend auf Zeche Zollern in Dortmund

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Volle Attacke zum Karneval: Steiger Martin Kaysh (rechts) und „Präsi“ Roman Henri Marczewski beim Geierabend in Dortmund.

Dortmund - Bissige Satire, schräger Klamauk und typischer Ruhrpott-Humor. Das ist der alternative Ruhrgebietskarneval, der nun zum 25. Mal stattfindet: Der „Geierabend“.

Als Erstes wird auch diesmal auf der Zeche Zollern in Dormtund der „Geier“ geübt, der immer dann abhebt, wenn das verhaltene Ruhrpott-Publikum so richtig Spaß hat: Stufe 1 besteht im ausgelassenen Trommeln auf dem Tisch. Stufe zwei: Füßetrampeln, bis der Saal bebt. Stufe drei: Arme hoch – und abheben!

Das 25. Geierabend-Programm steht unter dem Motto „Komm wiesse bis“, frei übersetzt nach Nirwanas gleichaltrigem Grunge-Kulthit „Come as you are“, und bietet etliche Gelegenheiten zum Geiern. Wenn etwa Franziska Mense-Moritz den ganz großen Auftritt hinlegt als Operndiva mit der Arie „Wurst ist böse. Da kriegst du Krebs von!“. Oder wenn mal wieder Martin F. Risse alias Joachim Schlendersack aus seinem sauerländischen Schnöttentrop erzählt: Mitbürgerin Reinhild ist mit einem scheunentorbreiten Heiligenschein erwacht, passt durch keine Tür mehr und bringt auch sonst das Dorfleben durcheinander, denn wo sie auftaucht, wird das gute Bier zu Wein. Da kann nur noch der Papst helfen. Allerdings benötigen seine Kardinäle zur Austreibung etwas Zotiges, so wie das Schnöttentroper Trinklied: „Wenn der Bauer zecht, springt die Sau durch Reifen und der Eber hat nen … Stein verschluckt.“

Durchs gut dreistündige Programm führt Steiger Martin Kaysh in seiner zur Bütt umfunktionierten Lore, assistiert vom „Präsi“ – Präsident Roman Henri Marczewski, Markenzeichen: rote Strumpfhose als Kopfbedeckung. Anwärter für den „Pannekopp“-Orden sind die Städte Ennepetal und Essen. Ennepetal, praktisch pleite, ist nominiert für seine „sizilianische Steuerpolitik“: Statt Steuern zu zahlen, können Gewerbetreibende spenden. Kaysh: „In Ennepetal ist das so, dass du das Geld, das du für die Steuer bezahlst, von der Steuer absetzen kannst.“ Essen hat seinem Regional-Ligisten Rot-Weiß für 50 Millionen Euro ein Stadion gebaut. Und weil das Geld knapp wurde, heimlich eine Million aus dem Kulturfonds zur Erhaltung des Folkwang-Museums abgezwackt: kultursubventionierter Fußballbetrieb also. Über den Sieger des jeweiligen Abends – bei der Premiere war dies Essen – stimmt das Publikum ab.

Partnerstadt des Geierabends ist Hamm. Zugreisende erinnern sich an traumatische Trennungen, wenn der ICE nach Berlin geteilt wird: Regelmäßig gehen hier ganze Zughälften verloren, was die Geierabend-Macher veranlasste, unter anderem Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ aufzumotzen.

Selbstredend thematisiert das 13-köpfige Ensemble auch die Aufreger des Jahres: NSA, Griechenland-Krise, Fifa oder VW, und der Seitenhieb auf rechte Dumpfbacken („Deutsche Krankheiten für deutsche Bürger!“) sitzt ebenso wie das Schmählied auf Handy-Hype und Online-Zombies. „Wer wird Asyl“ ist die neue Castingshow, in der Flüchtlinge das sofortige Asylverfahren gewinnen können, wenn sie beispielsweise wissen, wie sich der Deutsche im Brandfall verhält. Wie? Na, Bier trinken, was sonst?

Über die internationalen Verwicklungen der Spedition Schinder und Schechter aus Schwerte-Ergste („Irak, Iran, Uran, Ural“) möchte man Tränen lachen. Oder DFB-Fußball: „Am Bahnhof, da hat man ein Museum um ein paar Schuhe herumgebaut. Der Eintritt kostet siebzehnfuffzich.“

Die Hausfrauen ergötzen sich derweil am Thermomix, der sowieso der bessere Kerl ist, und Youtuberin Fiffi bedankt sich für die vielen Pimmel-Selfies, die sie nach ihrer letzten Sendung bekommen hat.

Immer mit dabei: „Die Zwei vonne Südtribüne“ – unheilbare Borussia-Fans und sturzbetrunken. Was sie gegen Schalke feuern, das sitzt und wird nicht nur an BVB-Stammtischen zur Verbalinjurie. „Was haben Schalker und Griechen gemeinsam? Beide hatten ihre beste Zeit vor 2000 Jahren.“

Carmen Möller-Sendler

bis 9. Februar; Karten 0231/142525; www.geierabend.de

Quelle: wa.de

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