Eli Gottliebs „Best Boy“ ist ein Autisten-Roman

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Der Schriftsteller Eli Gottlieb

„Mein Unglücklichsein wurde immer stärker“, sagt Todd Aaron und erklärt damit, dass er mal wieder seine Unterbringung wechseln musste. Sechs in zwei Jahren, und nun ist der Autist im Payton Living Center, wo es ihm eigentlich gefällt. Eigentlich.

Der Roman „Best Boy“ von Eli Gottlieb ist eine Ich-Erzählung. Der Autor, Journalist und Dozent, geboren in New Jersey, hat einen autistischen Bruder, der in einem Heim lebt. Seit 1997 schreibt Gottlieb Romane. Für sein erstes Werk „The Boy who went away“ erhielt er gleich den Preis der britischen Autorenvereinigung. In „Best Boy“ bewegt Gottlieb die Figur eines Autisten, als wenn er einer Romanfigur Profil verleihen wollte. Nur setzt die tragende Geschichte, die Handlung, in der der „Best Boy“ tatsächlich auch die Hauptrolle übernimmt, nicht ein. Gottlieb ist es wichtig, den Blick eines Autisten auf die Welt zu entwerfen. Oft dreht sich diese an ihm vorbei. Aber dass Todd Aaron dennoch teilnimmt und das kommentiert, was aus seiner Sicht passiert, das ist die Erzählmethode von Eli Gottlieb – und zu Aarons Geschichte führt sie dann doch noch.

Strukturiert wird der Roman von Begegnungen. Neben den freundlichen taucht auch Mike, genannt die Schürze, auf, der Aaron an seinen Vater erinnert. Pfleger Mike hat gelbe Zähne und einen mürrischen wie vorwurfsvollen Blick. Aaron rutscht dann in die Zeit zurück, in der er von seinem Vater geschlagen wurde. Er hatte wenig Verständnis für seinen autistischen Sohn aufgebracht. Todds Mutter war anders, und noch immer sucht er nach ihr.

Der Autist hört in jeder Menschenstimme tierische Laute. Bei Mike klingt ein Koyote an, der tiefe Wunden ins Fleisch seiner Opfer reißt und ihr Blut wie Cherry-Cola trinkt, erzählt Todd. Solche ironischen, oft zugespitzten Beschreibungen sind unterhaltsam. Und als Mike sich der jungen Greta Deane („dem Lämmchen“) unbeobachtet in einem Cottage nähert, wird der Heimalltag zum Spannungsfeld: „Wir haben da jetzt ein Geheimnis, Todd!“. Was passiert?

Todd fliegt gern, weil es ihn ruhig macht. Er knabbert von den Fritten die Kruste ab, um das Innere zu zermanschen. Er hört gern Neil Young und die Band Sérgio Mendes & Brasil ‘66. Er möchte 744 Meilen reisen, um wieder zuhause zu leben, und er hat Gefallen an der Neuen, Martine, gefunden: „Die Aufregung in meiner Hose stieg mir bis in den Kopf.“ Worte wie „fummeln“ und „heißer Feger“ benutzt nur Mike, der ehemalige Irak-Soldat.

Dass die Heimleitung in Sachen Mike ermittelt, liest sich aus Aarons Perspektive wie ein Missbrauchsdrama im Nebel. So schrecklich die Ereignisse auch sind, in „Best Boy“ werden sie nicht konturiert und klingen wenig exklusiv.

Aaron hat das Risperdal abgesetzt. Martine hatte ihm gezeigt, wie das geht, ohne die Pfleger zu beunruhigen. Es ist der Versuch, selbstbestimmt das Payton Living Center Richtung Heimat zu verlassen. Daraus entwickelt sich Aarons Geschichte, eine Begegnung mit der Außenwelt, einem saftigen Hamburger, der Polizei und mehr.

Aarons Lebens wird zunehmend zum interessanten und überschaubaren Kosmos, weil er das Gewöhnliche ungewöhnlich bewertet und selbst die Schwächen seines geldgierigen Bruders Nate übersieht, wenn es eigentlich – für ihn – um ein Sandwiches geht. Die Selbsteinschätzung, weshalb sich Aaron als ein glücklicher Mann fühlt, kommt so bescheiden, gelassen und geradlinig daher, dass sie fasst schon etwas Lebensweisheit transportiert – man fühlt sich ausgeglichen. Ein schönes Leseerlebnis.

Eli Gottlieb: Best Boy. Roman. Aus dem Englischen von Jochen Schimmang. C. H. Beck Verlag, München. 253 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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