Gustav Lübcke Museum Hamm zeigt finnische Serlachius Sammlung

„Tanz auf dem Steg“ (1903) heißt das Gemälde von Hugo Simberg, das in Hamm zu sehen ist. - Foto): Reiner Mroß

HAMM - Kess und lebenslustig strahlt die junge Frau auf dem Bild „Modell“, das der finnische Künstler Antti Favén 1910 malte. Ihr provokanter Blick wird von einem Freiheitsgefühl grundiert, das Künstler Anfang des 20. Jahrhundert im hohen Norden gelebt haben. Sie waren aufgefordert, Bilder von Finnland, seinen Landschaften, den Menschen und ihre typischen Eigenschaften zu visualisieren. Weshalb die Zeit von 1880 bis 1920 das „Goldene Zeitalter“ genannt wird, erläutert eine beeindruckende Ausstellung im Gustav Lübcke Museum in Hamm, die gleichzeitig eine erstklassige Sammlung finnischer Kunst präsentiert. Eine Deutschlandpremiere.

„Sehnsucht Finnland“ bietet ab Sonntag – Eröffnung 11.30 Uhr – 70 Werke der Gösta Serlachius Kunststiftung. Bisher waren die Bilder nur in Stockholm und Paris zu sehen. Die Kunststiftung leiht in der Regel einzelne Bilder aus, weil ihr Konvolut als „Nationalstolz“ Finnlands gilt und in Mänttä (Mittelfinnland) für Besucher präsentabel bleiben muss. Nun sind die „Skandinavischen Meisterwerke um 1900“ in Hamm zu sehen.

 Das Gustav Lübcke Museum setzt mit „Sehnsucht Finnland“ den Höhepunkt eines Ausstellungjahres, das von der schrittweisen Wiedereröffnung des Hauses bestimmt wird. Nachdem die Sanierung mit Dach, Heizungs- und Lüftungsanlage sowie Klimatisierung abgeschlossen wurde, kann das Museum wieder seinen „Vollbetrieb“ aufnehmen. Dass bereits 20 000 Besucher das neu strukturierte Haus in diesem Jahr besucht haben, wertet Museumsdirektorin Friederike Daugelat als ersten Erfolg.

Sehnsucht Finnland - Nationalkunst im Gustav Lübcke Museum

Die Ausstellung besticht mit einer Bilderwelt, die motivisch unverwechselbar ist und einen mit ihren konzentrierten Stimmungen auf das Land im Norden aufmerksam macht. Einfache Leute hat Hugo Simberg 1903 auswählt. Ihr „Tanz auf dem Steg“ fängt auch die Abendstimmung am See ein. Die ausgewogene Komposition bringt einem die friedvollen und lebensbejahenden Menschen näher. Was kann schöner sein, als ihre Nähe zu suchen? Künstler wie Simberg verzichten auf grelle Farben und große Gesten. Sie versuchen, das typische einer Lebensweise festzuhalten. Juho Rissanen entscheidet sich für geometrische Formen. Das Bild „Frau an der Feuerstelle“ (1916) hat keine Tiefenstaffelung, aber eine moderne Bildauffassung, die von Paul Cézanne inspiriert ist. Rissanen zählt zur Avantgarde. Wie Marc Collin, der 1916 „Fabrikarbeiterinnen“ in Grau und Braun zur Menschenkulisse degradierte. Oder Alvar Cawén, der die „Seelandschaft“ (1917) als konstruierte kantige Landschaft anlegte – fern eines erhabenen Naturalismus.

In Hamm werden im Kapitel „Weiblicher Blick“ Künstlerinnen vorgestellt, die anders als in den großen europäischen Nationalstaaten gleichberechtigt waren. Ihre Fähigkeiten wurden geschätzt, um dem Selbstverständnis der Finnen Bildbeispiele zu liefern. Maria Wiik zeigt ihr „Mädchen im weißen Schal“ (1913) ganz realistisch und ganz selbstbestimmt. Helene Schjerfbeck hat „Die Skiläuferin“ (1909) mit roten Wangen und Hut ein wenig schablonenhaft angelegt und so vom abbildhaften Ernst der Figuration leicht gelöst.

Abstrakte Bilder gibt es im „Goldenen Zeitalter“ allerdings nicht. Die finnischen Künstler malten auch keine Tiere, weil sie nicht „finnisch“ waren, sondern in ganz in Skandinavien Verbreitung fanden. Der „Rennende Hase“, mit dem die Ausstellung ein herrlich realistisches Beispiel fürs Tierbild gibt, stammt von Bruno Liljefors (1892), einem Schweden. Es gibt auch Bilder von russischen Künstlern. Isaak Brodskijs Milieu-Studie „Winter in einem russischen Dorf“ (1914) merkt man die Schneekälte richtig an.

Beide Nationen waren für die Finnen schicksalhaft. Vom Mittelalter bis 1809 herrschten die Schweden, dann folgten die Russen. 1917, im Zuge der Oktoberrevolution, erklärten sich die Finnen für unabhängig. Und weil das Zarenreich schon einige Jahre schwächelte, entwickelten die „Fennomanen“ (Unabhängigkeitskämpfer) ihr nationales Bewusstsein. Vor allem Akseli Gallen-Kallela, der in Hamm mit mehreren Bilder vertreten ist, gilt als der nationale Malerfürst. Sein Porträt „Matti, der Luchsjäger“ (1905) verewigt einen Menschentypus mit hohen Wangenknochen, flachem Gesicht und stechendem Blick. Die Finnen wollten anders aussehen als Schweden und Russen. Gallen-Kallela, der wie viele andere Künstler Frankreich bereiste und der Vereinigung „Die Brücke“ in Dresden beitrat, entwarf mit hellen Farben einen Naturalismus, der Mensch und Landschaft vereinte. Sein Bild „Landschaft in Kuhmo“ (1890) idealisiert Karelien als finnisches Kernland. Mit der hellgelben Sonne symbolisiert er den Aufbruch der finnischen Gesellschaft.

Ein Vertreter dieses neuen Selbstverständnisses war Gustav Adolf Serlachius (1830–1901). Der Kunstliebhaber und Freund Gallen-Kallelas gründete die erste Papierfabrik und war als Unternehmer ein Pionier in Mänttä (Mittelfinnland). Sein Einfluss sorgte dafür, dass das Land einen Eisbrecher bekam, um die Handelswege der Ostsee freizuhalten. Außerdem lenkte er die Trassenführung der ersten Eisenbahn zu seinem Werk. Sein Neffe Gösta baute die Kunstsammlung auf 7000 Exponate aus. Die großen Formate Gallen-Kallelas über die Mythen der Kavela, der finnischen Nationaldichtung, sind in seiner Sammlung aber nicht vorhanden, sondern im Nationalmuseum Helsinkis zu sehen. Die Sammlung Serlachius stellt uns Finnland vor, wie die Finnen sich sehen. Als Saunagänger, Robbenjäger, Naturliebhaber und schnörkellose Menschen, die wie die Polen zu den späten Nationen Europas zählen und deshalb eine „Goldene“ Kunstepoche haben.

Die Schau

Ein einmaliger Blick auf finnische Nationalkunst, erhellend, schlicht und anmutig.

Sehnsucht Finnland. Finnische Meisterwerke um 1900 im Hammer Gustav Lübcke Museum.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 16. März; di-sa 10–17 Uhr, so 10 –18 Uhr; Tel. 02381/17 5714

www.museum-hamm.de

Quelle: wa.de

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