Ed. Hauswirth inszeniert in Dortmund „Triumph der Freiheit“

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Appelle an die Vernunft und an die Empörung: Sebastian Kuschmann (vorn) und Mitglieder des Dortmunder Sprechchors in dem Stück „Triumph der Freiheit #1“ im Megastore Dortmund.

DORTMUND - Am Ende wenden sich alle vom französischen König Ludwig XVI. ab, der ausruft: „Wir schaffen das schon.“ Wieder und wieder beschwört er den Optimismus, je einsamer er dasteht. Und obwohl Uwe Rohbeck auf der schwankenden Bühne des Megastores in Dortmundnicht die geringste Ähnlichkeit hat, obwohl er sich jeden Zug von Parodie oder Imitation versagt, fällt dem Zuschauer natürlich die Kanzlerin ein, die beinahe genau das gesagt hat. Und der es zur Zeit genau so geht.

Dabei geht es im Stück „Triumph der Freiheit #1“ gar nicht um bundesdeutsche Gegenwart, sondern um die französische Revolution. Aber in der ersten Produktion des Schauspiels Dortmund der neuen Spielzeit zeigt Regisseur Ed. Hauswirth all die Debatten und politischen Winkelzüge als Blaupausen der Politik bis heute. Vordergründig werden jene dramatischen Ereignisse gezeigt, die vom drohenden Staatsbankrott über die Blockade von Adel und Klerus zur Umgestaltung des Staates führten. Aber Hauswirth und das bestens aufgelegte Ensemble machen daraus eine Reihe von Miniaturen, in denen gezeigt wird, wie Politik funktioniert. Dass dabei immer wieder vertraute Erinnerungsbilder aufblitzen, dass man Schauspieler sieht, aber an Bundesminister denkt, ist natürlich der Plan dabei.

Der französische Regisseur und Autor Joël Pommerat hat sein Drama „Ça ira (1) Fin de Louis“ anders gemeint. Im Geburtsprozess des modernen Frankreichs interessiert ihn vor allem der Wettstreit der Ideen, die Europa prägen. Er und sein Verlag sahen in der Dortmunder Inszenierung das Stück verfälscht. So sieht man jetzt also nicht die deutschsprachige Erstaufführung von Pommerats preisgekröntem Stück, sondern eine Eigenkreation nach dem Werk.

Was kein Schaden ist. Hauswirth blickt weniger auf die Inhalte als auf die Mechanismen von Machtausübung. Und gerade dieses analytische Moment macht die Produktion spannend. Wenn Andreas Beck als Premierminister am Anfang fordert, dass die Steuerprivilegien von Adel und Kirche gestrichen werden müssen, spricht er mit den Formulierungen, wie man sie im Bundestag hören könnte. Aber als man ihn fragt, ab wann das gelten soll, stottert er wie einst Schabowski beim Mauerfall: „Soviel ich weiß... ab sofort.“ Und wenn Björn Gabriel als blasierter Adliger dann mit rhetorischen Winkelzügen die Reform blockiert, hat man einen der verbreiteten Tricks. Auf einmal redet man nicht mehr über gleiche Steuern, sondern über die „Meinung des Volkes“.

Der Abend dauert mit Pause drei Stunden, dabei wurde Pommerats Text fast um die Hälfte gekürzt. Aber es geht eben nicht um ideengeschichtliche Details. Hier geht es ums Hauen und Stechen. Die Aufführung läuft in einem Quader um eine Spielfläche auf Stahlfedern (Bühne Susanne Priebs), ein Grund, den die Darsteller leicht ins Schwanken bringen. Als zwei Adlige die Versammlung des Dritten Standes besuchen, fliehen sie in eine Ecke, und wenn ein bürgerlicher Redner sich ihnen nähert, drohen sie, über die sich absenkende Kante zu stürzen. Später fordert der liberale Abgeordnete Gigart (Uwe Schmieder) das Volk auf, den Staat zu stützen, und Mitglieder des Sprechchors bücken sich unter die Kante der Tischplatte, um das Schwanken zu verhindern. Ein eingängiges Bild dafür, wie man Menschen instrumentalisiert. Hauswirth sucht in der Chronik der Revolution immer wieder das Lehrstück, aber ohne Dogmatismus. Er entstellt die Prozesse zur Kenntlichkeit, das Wegmobben des politischen Gegners, die verlogene Entrüstung des „Das wird man doch noch sagen dürfen“. Man sieht in Bernd Kuschmann als Abgeordneter Carray den von einer Idee getriebenen, aber verhandlungsbereiten Überzeugungstäter, der von Radikalen eine Torte ins Gesicht bekommt. Björn Gabriel gibt den virtuosen Intriganten und Wendehals. Friederike Tiefenbacher ist eine grandios zickige, egozentrische, menschenverachtende Königin, die jeden Konflikt zuspitzen will. Marlena Keil gibt die radikale, kompromissunwillige Revoluzzerin Lefranc. Der Sprechchor gibt den Resonanzkörper für radikale Parolen. Die Optik der modernen Medien wird als verfremdendes Moment eingesetzt, Videokonferenzen und Nachrichtenbilder in CNN-Optik (Video: Gruppe sputnic). Dieses starke Drama zeigt in der Revolution auch das deutsche Heute.

24.9., 9., 27.10., 12.11.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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