„Antigone“ eröffnet Spielzeit am Helios-Theater in Hamm

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Zwei unversöhnliche Positionen: Helena Aljona Kühn und Marko Werner in dem Stück „Antigone“ am Helios-Theater.

HAMM - Welche Farbe hat die Macht? Ist sie finster, oder blutrot? Oder ist sie weiß wie eine Projektionsfläche, wie die Bühne im Kulturbahnhof in Hamm? Das Helios-Theater eröffnete die Spielzeit mit seinem bisher wahrscheinlich politischsten Stück: „Antigone“ in einer Fassung des freien Theatermachers Erpho Bell.

Bell nutzt Elemente von Sophokles und Jean Anouilh, um eine moderne Parabel von der Macht zu formen: märchenhaft in seiner Reduktion und Symbolsprache, aber heutig in seiner Direktheit.

Das Helios-Theater hat dieses Stück mit der Acta-Compagnie aus Paris erarbeitet. Im Probenprozess haben die Profis mit Jugendlichen gearbeitet. Die Direktheit junger Menschen, die Unverblümtheit ihres Politikverständnisses findet sich in der Hammer „Antigone“ wieder.

Das Schema ist das gleiche wie in der antiken Tragödie: Die Macht, verkörpert von Kreon, König von Theben (Marko Werner), trifft auf die persönliche Moral, verkörpert von Antigone (Helena Aljona Kühn). Sie will wider Kreons Verbot den im Bruderkampf gefallenen Polyneikes bestatten.

Außerdem taucht nur ein weiterer Schauspieler auf: Michael Lurse als politischer Conférencier. Sein Part öffnet das Stück ins Publikum. Er läuft zwischen den Reihen, animiert das Publikum zum Honecker-Applaus für Kreon: „Der Krieg ist vorbei!“ Einigen hält Lurse das Mikrophon hin: „Was hältst du von der Todesstrafe?“

Bequem zuschauen ist nicht im Helios-Theater. Regisseurin Barbara Kölling verlangt Engagement. Politik wie Theater sollen vom Betrachter nicht nur konsumiert werden. Deshalb reden Werners Kreon und Kühns Antigone oft direkt ins Publikum. Sie sprechen keine Dialoge, sondern formulieren ihre Überzeugungen. Roman D. Metzners Musik akzentuiert ihre Schlagworte.

Antigone, von Kühn mit bebender Entrüstung gespielt, lehnt jegliche Macht als willkürlich ab. Kreon reagiert hilflos: Einer müsse doch Verantwortung tragen. Die Fragen an die Zuschauer verleihen dem Stück zusätzlich Wucht. Auch wer nicht antwortet, bezieht Position, auch Hilflosigkeit hat ihren Platz.

Leider spricht Kreon, den Marko Werner sehenswert ölig spielt, hauptsächlich üble Phrasen. Das macht seine Position lächerlich. Damit manövriert sich das Stück zumindest teils an seiner Grundfrage vorbei. Wenn persönliche Moralprinzipien höher stehen als staatliche Macht, wie legitimiert sich dann die Moral? Die olympischen Götter gibt es nicht mehr. Wer sich heute noch auf Religion berufen will, begibt sich auf ganz dünnes Eis. Außerdem sollten die aktuellen Religionskonflikte jeden aufgeklärten Menschen dazu veranlassen, sein Heil in der Vernunft zu suchen.

Wer als Bürger eines modernen Staates sich in seiner persönlichen Moral auf Prinzipien der Menschenwürde beruft, muss wissen, dass diese Prinzipien erst durch Verfassungen manifestiert wurden. Er beruft sich also wieder auf das Recht. Wer, wie Bell und Kölling, Kreon lächerlich macht, ignoriert eine Grundfunktion des modernen Staates. An dem Punkt kommen antike Tragödie und moderne Parabel nicht zusammen.

Ein hochinteressanter, engagiert gespielter Abend, der starke Gefühle und Gedanken hervorrief, ein Merkmal guten Theaters.

Quelle: wa.de

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