Morellet-Retrospektive im Lichtkunst-Zentrum Unna

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Im Dialog mit altem Mauerwerk: François Morellets Arbeit „Lamentable“ ist im Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna zu sehen.

UNNA - Wie eine aufgerichtete Kobra aus Licht erheben sich die Neonröhren von François Morellets Arbeit „Lamentable“ vor dem alten Mauerwerk. Ein bisschen gefährlich sieht das aus, majestätisch und rein. Der Künstler spielt mit Geometrie: Eigentlich ist dies ein Kreis von 6,50 Metern Durchmesser. Aber die Linie wurde geachtelt, die Segmente durcheinander geworfen, einige aufgehängt.

„Lamentable“ ist im Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna zu sehen, als Teil einer Retrospektive auf einen der wichtigsten Vertreter der Lichtkunst. Wobei Museumsdirektor John Jaspers einräumt, Retrospektive sei ein großes Wort für eine kleine Ausstellung. Zehn Werke sind installiert, die das Schaffen von François Morellet (1926-2016) von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart dokumentieren. Für intensive Seh-Erlebnisse ist die Schau allerdings gut.

Sie wurde noch mit dem Künstler konzipiert, der im Mai gestorben ist. Das Lichtkunstzentrum besitzt von ihm die Arbeit „No End Neon“ (2001/2002), einen mit Neonröhren gestalteten Raum. Morellet kam als Autodidakt zur Kunst, seine Anfänge in den 1950er Jahren liegen in der abstrakten Malerei. 1960 gehört er zu den Gründern der „Groupe de Recherche d’Art Visuel“ (GRAV). Die Mitglieder setzen sich mit kinetischen Objekten auseinander und beschäftigen sich mit Licht als Medium. Morellet setzt ab 1963 Neon ein.

Aus diesem Jahr stammt auch die älteste Arbeit der Ausstellung in Unna, „64 Lampes – Allumages avec 4 rhythmes superposés“, noch ohne Leuchtröhren. Aber schon hier hat man ein Bauprinzip von Morellets Arbeiten. Die Fläche wird durch das Ein- und Ausschalten der Lampen belebt. Das Tafelbild ist immer noch präsent, denn Morellet bezieht sich auf eine rechteckige Fläche als Spielraum für visuelle Ereignisse. Nur eben, dass sich die Kunst hier nicht mehr in der Farbe ereignet, sondern direkt im aufscheinenden und erlöschenden Licht. Ganz ähnlich funktioniert die „Néon-Éclairage avec 3 rythmes superposés“ (1964), nur dass hier die Fläche mit Streifen aus kleinen Neonstäben überzogen ist. Über sie laufen nun Lichtwellen, mal nach oben, mal nach unten. Bei längerem Betrachten erzeugen diese Lichtwellen (durch die Überreizung der lichtempfindlichen Zellen im Auge) visuelle Echos, man glaubt, die Stäbe gelb aufleuchten zu sehen.

Im Grunde malt Morellet in vielen Arbeiten mit dem Licht. Man sieht das recht gut bei der Serie „Gesticulation“ (2015), bei der jeweils sechs Neonröhren an die zum Teil unverputzten Wände der ehemaligen Brauereikeller montiert sind, die sie mit Helligkeit tränken. Die Lichtlinien fügen sich jeweils zu einem Zeichen, das man als eine Art Letter deuten kann, aber auch als Figur. Morellet lässt seine Neonstreifen an der Wand tanzen, versieht die Fläche mit Rhythmus und Bewegung, obwohl die Lampen nicht an- und ausgeschaltet werden. Aber im langgestreckten Ausstellungsraum scheinen Geister über die Wände zu huschen.

Die Schau ist großzügig inszeniert, gibt den Arbeiten den nötigen Raum, damit sie ihre Strahlkraft entfalten. Und die einstigen Industriegewölbe, deren Mauerwerk die Patina der Produktion trägt, sind wunderbare Spielplätze für die strengen, wie körperlos aufscheinenden Arbeiten von Morellet. Hier entfaltet auch der in kühlem Blaulicht strahlende befreite Halbkreis („Cercle à demi libéré No 1“, 2013) seine Wirkung.

Eingebaute Stellwände formen eine kleine Altarnische für das ganz ungeometrische „Mal barré après réflexion No 5“ (2011), bei dem zwei unregelmäßige Linien sich kreuzen. Morellets Sohn Friquet erläutert, dass die Spiegelungen des Lichts auf Meereswellen die Form inspirierten.

Bei aller Faszination für Mathematik ist Morellets Werk der Humor nicht fremd. Die Arbeit „Néon abscon“ (1968) scheint ganz konventionell mit der Kreisform zu spielen, zeigt versetzte Kreise, links vier Halbkreise über und unter zwei Kreisen, rechts einfach vier Kreise. Aber manchmal schalten sich nur einige Röhren ein, und die bilden dann einen stilisierten Frauentorso, eine kleine freche Pointe in ganz viel Geometrie. Und außerdem ein klassisches Motiv der Malerei.

Bis 29.1.2017, Besuch im Rahmen von Führungen di – fr 13, 15, 17, sa, so stündlich 12 – 17 Uhr. Tel. 02303 / 103 751, www.lichtkunst-unna.de,

Katalogheft 3,50 Euro

Quelle: wa.de

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