Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in Münster

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Lisa Wedekind (links) und Eva Bauchmüller als „Hänsel und Gretel“ in der Opernproduktion in Münster.

Münster - Es gibt alte Märchenbücher, deren Illustrationen nehmen einen noch heute gefangen. Und es gibt solche, deren Bilder sind – nett. So, wie Andreas Beuermanns Inszenierung von „Hänsel und Gretel“. Das Theater Münster präsentiert die Oper von Engelbert Humperdinck „für Jung und Alt“. Für beide haben Beuermann und Christian Floeren (Bühne und Kostüm) eine Puppenstuben-Perspektive geschaffen.

Durch sie fällt der Blick ins Haus von Hänsel und Gretels Eltern – arm, aber dank Ohrensessel auch gemütlich. Und in den Wald – bestehend aus einem romantisch illusionierenden Tannenbild im Hintergrund und Scherenschnitt-Tannenbäumen wie von Kinderhand gezeichnet.

Davor entfalten Beuermann und Floeren jede Menge realen und digitalen Bühnenzauber, wobei sie alles vermeiden, was anecken könnte. Hänsel (Lisa Wedekind) und Gretel (Eva Bauchmüller) knien beim „Abendsegen“ brav nebeneinander. Anstatt 14 Engel erscheinen zu lassen, belebt Beuermann mithilfe des Sandmanns (Katarzyna Grabosz) verwunschene Fliegenpilze, Tannen und Birken. Sie decken die schlafenden Kinder zu, die Pilze und Pflanzen (Kinderchor des Paulinum und der Westfälischen Schule für Musik sowie Damen des Opernchores). Das ist so süß, als stamme es vom Knusperhaus der Hexe. Und während vorher die Augen eines virtueller Riesen-Uhus die Kinder erschreckten, sinkt nun der rundgesichtige Mond vom Himmel und kniept ein Äugsken.

Schon Humperdinck und seine Librettistin, seine Schwester Adelheid Wette, haben Grimms Märchen entschärft. Keine böse Stiefmutter verstößt Hänsel und Gretel, sondern eine überarbeitete Mutter schickt die beiden zum Beeren pflücken in den Wald, wo sie sich verirren. In Münster gerät das Familienstück noch idyllischer. Was auch daran liegt, dass Lisa Wedekind und Eva Bauchmüller die geforderten Ängste nur unzureichend transportieren. Die Erwachsenen konzentrieren sich zu sehr darauf, das kindliche Gebaren zu mimen. Gerade Wedekind erschöpft sich bald in trotzig aufgerissenen Augen und burschikosem Herumstiefeln. Stimmlich meistern beide ihre Partien ohne Probleme, allerdings auch ohne differenzierte Modulation und vor allem ohne eine gute Verständlichkeit des Textes. Das wiederum ist ein Problem, denn Münster verzichtet bei dieser deutschsprachigen Oper auf die Übertitel.

Versierter agieren Gregor Dalal und Suzanne McLeod in den Rollen der Eltern. Ihre Gesten und Blicke greifen ineinander, wie eben bei einem eingespielten Ehepaar. McLeods wagnerischer Präsenz treibt das kindliche Geplänkel von Hänsel und Gretel mühelos auseinander. Dalal wankt als angeheiterte Besenbinder durch erste Reihe und schmettert sein Arme-Leute-Lied mit denkwürdiger Raumfülle. Im Fall der Hexe entschied sich Beuermann für die Variante, die Rolle mit einem Tenor zu besetzten. Und Boris Leisenheimer peppt die Szene als magische Drag-Queen spürbar auf. Zurechtgemacht wie eine Cruella de Ville, watschelt er zwischen Ofen und Hänsels Käfig hin und her, seinen falschen Busen zurechtrückend, japsend vor Erwartung oder gefährlich wispernd.

Was die Inszenierung letztlich zusammenhält, ist die Musik. Unter der Leitung von Stefan Veselka erzeugt das Sinfonieorchester Münster jene vibrierende Spannung, die auf der Bühne meist fehlt. Veselka kostet die lautmalerische Oper voll aus. Träumerisch blüht die Musik auf, man hört die Dämmerung heraufziehen und im nächsten Moment jenes Knacken und Knistern, das einen dunklen Wald erst bedrohlich macht. Alles in allem richtet sich Münsters Idee von „Hänsel und Gretel“ eher an „Jung“ als an „Alt“. Doch auch Kinder lassen sich etwas mehr zumuten.

Anke Schwarze

23.10.; 3., 5., 8., 14., 27.11.;

6., 27.12.; 26.1.; 3., 7.2.; 17.3.

www.theater.muenster.de

Tel. 0251/ 59 09 100

Quelle: wa.de

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