Ikonenmuseum Recklinghausen zeigt „Kriegerheilige“

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Miniaturmalerei von Andreas Iereas: Der Drachenkampf des heiligen Georg mit 16 Vita-Szenen, Griechenland, 1806 (Eitempera auf Holz), zu sehen im Ikonenmuseum Recklinghausen.

RECKLINGHAUSEN Der heilige Georg sitzt auf einem grauweißen Pferd und stößt dem schwarzen Drachen seine Lanze ins Maul. Kopf und Beinstumpf am Bildrand belegen, von welchem Untier die Stadt nun befreit ist. Und Georg hat in dieser bildreichen Vita-Ikone von 1806 bereits seinen Blick auf die Prinzessin im grünen Kleid gerichtet. Ihr Vater hält die Stadtschlüssel für den Drachentöter bereit, der zu den meistverehrten Heiligen der Orthodoxen Kirche zählt.

Diese auf Goldgrund gemalte Ikone, die der Priester Andreas Iereas in Griechenland geschaffen haben soll, ist eine Leihgabe aus Amsterdam, die anlässlich der großen Geburtstagsausstellung im Ikonenmuseum Recklinghausen zu sehen ist: „Von Drachenkämpfern und anderen Helden. Kriegerheilige auf Ikonen.“

Seit 60 Jahren gibt es das Ikonenmuseum Recklinghausen. Mit seinen rund 3500 Exponaten ist es das größte Institut außerhalb des Kerngebiets der Orthodoxen Kirche. 123 Ausstellungsstücke aus Ägypten, Äthiopien, Russland, Griechenland, Belgien, den Niederlanden und Rumänien werden präsentiert. Die meisten Objekte sind aus dem 15. bis 19. Jahrhundert. Aber auch zeitgenössische Bilder sind zu sehen, die belegen, wie vital die Heiligenverehrung ist. Dazu zählen „Die heiligen Leidensdulder und russischen Fürsten Boris und Gleb“, die Stanislav V. Parnyskov 2014 mit den obligatorischen Märtyerkreuz und Schwert malte. Die beiden hatten sich im 11. Jahrhundert von ihrem Halbbruder massakrieren lassen, weil sie keinen Bruderkrieg um die Nachfolge von Großfürst Vladimir von Kiew (978/80–1015) wollten. Sie gelten als die ersten russischen Nationalheiligen.

Alle Kriegerheilige verbinden die Leiden, die sie erdulden mussten. Bereits die opulente Vita-Ikone zum heiligen Georg (aus Amsterdam) bebildert in 16 Lebensstationen auch die Qualen: „Der Heilige wird auf das Rad gebunden“, „Der unablässig rufende Heilige wird mit Riemen geschlagen“... Angefangen hat diese Bildtradition in römischer Zeit. Damals gab es Berufssoldaten christlichen Glaubens. Zwar galt die Staatsmacht Roms als tolerant gegenüber Religionen, aber wer dem Kaiser nicht opferte oder Götteropfer versagte, unternahm einen staatsfeindlichen Akt. Wer sich auch unter der Folter weigerte, wurde hingerichtet. Diese Soldaten galten den Christen fortan als Märtyrer, und eine kleine Menas-Ampulle in Recklinghausen erinnert sogar an eine Kultstätte in Nordägypten, wo die Reliquien des heiligen Menas aufbewahrt wurden. In der Ampulle aus Ton (5. bis 7. Jahrhundert) nahmen die Pilger Öl oder Wasser, das mit der Reliquie in Berührung gekommen war, mit auf den Heimweg. Nach der Marter und dem Tod, die der Soldat Menas erlitten hatte, wird er auf der Ampulle mit zwei Kamelen abgebildet. Das erinnert an die Menas-Legende. Soldaten hätten seine sterblichen Überreste nach Ägpyten gebracht. Allerdings seien die Kamele irgendwann stehen geblieben und hätten sich nicht vom Fleck bewegt. Hier entstand eine der größten Gedenkstätten der Spätantike. Die kleinen Menas-Ampullen werden in ganz Europa bei Grabungen entdeckt.

Neben Tongefäßen, Siegelringen, Münzen und Amuletten gab es noch kleine Metallikonen, die die Gläubigen mit auf Reisen nahmen. Eine russische Ikone lässt sich zusammenklappen und zeigt einmal mehr den heiligen Georg – in Bronze und farbig emailliert.

Die Ausstellung überrascht mit ganz unterschiedlichen Exponaten. Dazu zählen große Bildnisse aus Rumänien als Beispiel für Volkskunst des 19. Jahrhunderts. Damals legte man Papierikonen unter Glas. Die durchscheinenden Konturen wurden nachgemalt. Wenn das Glas größer war als die Vorlage, musste das Heiligenbild ergänzt werden. In Recklinghausen ist ein Beispiel mit Blumen zu sehen. Bei kleineren Bildträgern musste schon mal der Drache weichen, den Georg mit der Lanze anvisierte.

Der heilige Demetrios, der vor allem in der Ostkirche verehrt wird, ist in Recklinghausen auf einer Königstür mit drei anderen Bildnissen zu sehen. Das Kunstwerk aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehört zu einer Ikonostase aus Kreta. Mit der Tür wurde der Blick auf den Altar verschlossen, den die Gläubigen nur an Festtagen sehen durften. Demetrios sitzt hier hoch zu Pferd und reitet über bulgarischen Zaren Kalojan hinweg, gegen den er die Stadt Thessaloniki verteidigt hatte.

Sehr aktuell sind die Kriegerheiligen in Russland, wo selbst die Richtung der Außenpolitik mit dem heiligen Aleksandr Nevskij gestärkt wird. Der Fürst von Nowgorod wird wegen seiner Siege über die Schweden 1240 an der Neva und den deutschen Ritterorden 1242 auf dem Peipussee als geopolitischer Heiliger verehrt. Er war bei einem TV-Wettbewerb 2008 noch vor Stalin, Puschkin und General Suworow als der Russe schlecht hin geehrt worden. Oleksandr Zabirko vom slavisch-baltischen Seminar der Uni Münster hat die russischen Medien studiert und die Indienstnahme von Kriegerheiligen für imperiale Ziele ermittelt. Außenminister Lavrov sieht in Aleksandr Nevskij einen „Schutz gegen das dekadente Europa“ und meinte unlängst, dass Nevskij in den russischen Genen stecke. In Recklinghausen ist der Kriegerheilige als Fürst in einer Darstellung aus dem 18. Jahrhundert zu sehen. Zar Peter der Große hatte 1724 erlassen, dass Nevskij nur noch in fürstlichen Gewändern dargestellt werden dürfe. Kurz vor seinem Tod war er zum Mönch ernannt worden.

Diese Ikone zählt zum Bestand des Hauses, das nach wie vor unter großen Platzmangel leidet. Bürgermeister Christoph Tesche (CDU) sagte anlässlich der Geburtstagsausstellung, dass eine Erweiterung nicht aktuell sei: „Nicht in den nächsten zwei, drei bis fünf Jahren.“ Er sei stolz auf das bedeutende Museum, das die museale Landschaft in Recklinghausen aufgewertet habe, sagt Tesche. Außerdem würdigte er die Arbeit von Eva Haustein-Bartsch, der Kustodin des Hauses. Allerdings bleiben zwei Drittel der Kriegerheiligen im Depot, weil dem Museum Schaufläche fehlt. Die Eröffnung der Ausstellung fand in der benachbarten St. Peter-Kirche statt – aus Platzgründen. Und folglich richtet die Tagung zum Thema „Die Militarisierung der Heiligen“ die Universität Münster aus – am 1./2. Februar 2017.

Die Schau

Eine ungemein reichhaltige Schau zu einem zentralen Thema, das überraschend zeitpolitische Aktualität erfährt.

Von Drachenkämpfern und anderen Helden im Ikonenmuseum Recklinghausen.

Bis 12. Februar 2017; di-so 11– 18 Uhr, Tel. 02361/50 1941; www.ikonen-museum.com

Katalog 35 Euro

Quelle: wa.de

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