Das inklusive Projekt „Einstein“ in Dortmund

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Das Ensemble Einstein bei einer Probe.

DORTMUND Wie macht man Zeit fühlbar? Eine Uhr macht wenig Eindruck, denn sie würde nur ein Gleichmaß anzeigen, ohne Gefühl, ohne Phantasie, mit denen ein Mensch sich Dinge zu eigen macht. Aber Klang kann Zeit fühlbar machen: Er kann sich ausdehnen, sich zusammenziehen, pulsieren. Der größte Teil des inklusiven Theaterprojekts „Einstein“, zu sehen im Studio des Theaters Dortmund, ist Musik: Klang ist eine Sprache, die sich an alle richtet.

In Dortmund gastiert die inklusive Truppe „I can be your translator“. Ihr Stück ist dem Erfinder der Relativitätstheorie gewidmet, aber eigentlich geht es um Persönliches: um Eindrucke, Gedankenverbindungen, Träume, ausgedrückt durch gemeinsames Sprechen und Atmen.

Acht Menschen mit und ohne Behinderungen, mit körperlichen und geistigen Handicaps agieren zusammen, werfen sich Wortbrocken zu, summen gemeinsam. „Einstein“ ist als Musiktheater angekündigt, ist aber so etwas wie ein freies Spiel mit Einfällen, verbunden durch lange, gehaltene Töne, die auch die Mitspieler wie an einem roten Faden durch das Stück führen. Ein Mann mit Downsyndrom nimmt eine Klarinette, eine Frau spielt mit ihm zusammen auf ihrer Flöte. Eine Frau im Rollstuhl spielt Klavier. Verbunden sind alle durch eine Welt des Klangs, die dem Publikum – es sind 70, 80 im kleinen, fast dauernd abgedunkelten Studio – fern bleibt. Die Spieler tragen Kopfhörer wie eine Verbindung in eine andere Dimension. Das Woanders-Sein einiger Mitspieler wird so in das Spiel eingebunden. Ein Mann nimmt wenig Anteil an dem, was auf der Bühne geschieht, immer scheint er in sich hineinzuhorchen, aber als die Gruppe in einer Reihe steht und auf Xylophone schlägt, macht er mit und folgt dem Puls.

Das Thema Relativität trägt hier natürlich klar die Botschaft: Wir sind alle verschieden – aber alle gleich im Spiel. Auch wenn das natürlich nicht stimmt: Nicht alle, die mitspielen, nehmen gleich Anteil, vielleicht könnten es einige auch nicht, oder nur auf ihre eigene, sehr fern erscheinende Art. Aber ihnen wird die Möglichkeit angeboten. Das Gastspiel wird gefördert durch den Verein InTakt, der die Inklusion von Menschen mit Behinderungen fördert. Ins Programm des Schauspiel Dortmund passt es, weil Dortmund sich als ein Theater versteht, das, so Kai Voges einmal, mitten in Dortmund steht. Es soll sich an die breite Gesellschaft wenden und sie einbeziehen.

Das kann Theater. Eine junge Frau mit Down-Syndrom blüht auf, als sie konzentriert auf eine Kollegin am Cello schaut, sie hält eine Geige sorgsam mit Fingern und Kinn und streicht rhythmisch und präzise die G-Saite. Später erzählt sie eine Geschichte, die Relativität einfach begreifbar machen soll: Wenn sie ins All fliegen würde, bei 99,9 Prozent der Lichtgeschwindigkeit, und wäre sechs Tage weg – dann wäre ihre Zwillingsschwester bei ihrer Rückkehr eine alte Frau.

Das Problem des Stücks ist das abstrakte Thema. Es ist schwer, Bilder zur Relativitätstheorie schaffen, die alle ansprechen, Publikum und Spieler gleich packen und mitnehmen. Oft vergisst das Stück, dass es ein Theaterstück ist und auch ein Publikum hat, das berührt werden will. Zum Beispiel erzählen zwei, wie sie eine Sonnenfinsternis-Brille basteln, ein bisschen wie in einer Anleitung auf Youtube. Zu sehen ist aber – nichts. Das Licht ist aus, der ganze Raum bleibt dunkel, die Zuschauer hören minutenlang nur Stimmen.

„Einstein“ zeigt Möglichkeiten und Schwächen von inklusivem Theater – und ist ein Plädoyer für ein Erfahren und Erleben, das niemandem verschlossen bleiben soll.

Edda Breski

30. April, 19., 26. Mai; Tel. 0231/5027 222; www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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