Interview zum Theaterprojekt „Muskelmann“ in Fitnessstudios

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Matthias Damberg (links) und Reimar de la Chevallerie sind freiberufliche Theatermacher. Damberg, 1971 geboren, war als Theaterpädagoge am Helios Theater Hamm engagiert. Er spielte danach in Dortmund (Depot), Göttingen und ist Mitorganisator beim Festival „Junges Theater Lünen“. Reimar de la Chevallerie, geboren 1967, ist Fotograf, Theater/Medienpädagoge, Musiker, Videokünstler und Regisseur. Er arbeitete an Stadttheatern in Darmstadt und Göttingen, komponiert und schreibt Theaterstücke wie „Steh Deinen Mann“ über Homosexualität im Fußball.

HAMM - Wie reagiert das Theater auf Trends in der Gesellschaft? Die Bühnenkultur hierzulande zeigt sich an alltäglichen Plätzen, auf der Straße, an Orten der Arbeit, in sozialen Einrichtungen, Schulen und dort, wo ein Publikum erreicht werden kann. Im Fitnessstudio zum Beispiel, wo ab Donnerstag die neue Leidenschaft der Deutschen von Matthias Damberg und Reimar de la Chevallerie erörtert wird. „Muskelmann“ heißt ihr Zwei-Personen-Stück, das nach der Premiere in Hamm auch in der Region gespielt wird. Mit den Theatermachern sprach Achim Lettmann.

Weshalb problematisieren Sie Fitness und den Drang der Deutschen zur sportlichen Bewegung?

Reimar de la Chevallerie: Erstmal ist gegen Fitness nichts einzuwenden. Gesund leben ist für uns alle wichtig. Wir werden immer älter. Deswegen ist Fitness unglaublich wichtig. Uns geht es eigentlich immer mehr um die Grenze. Also dort, wo es dem Körper nicht mehr dient, sondern wo es zum Fluch wird. Im Sport, aber auch in anderen Bereichen. Es geht um die Frage, wann ist etwas für mich gut und ab wann wird es plötzlich problematisch.

Können Kunden von Fitnessstudios nicht zwischen Doping und Wohlfühlsport unterscheiden?

Matthias Damberg: Zehn Millionen Deutsche gehen in Fitnessstudios. Wir haben uns mit Sportwissenschaftlern unterhalten, die sagen, Doping, wie es im Spitzensport heißt, sei auch im Breitensport angekommen. Man spricht dann von Anabolika-Missbrauch, Missbrauch von Medikamenten. 15 bis 20 Prozent haben schon Erfahrungen damit gemacht. Die Bereitschaft, das mal auszuprobieren und dem Selbstoptimierungsdruck nachzugeben, die ist gewachsen.

de la Chevallerie: Es geht uns nicht ums Doping an sich. Wo fängt das an? Wenn ich sechs Mal die Woche joggen gehe oder sieben Mal. Wenn ich nicht mehr mit der Familie frühstücke, weil ich meinen Ernährungsplan umgestellt habe. Und das ist uns der viel wichtigere Punkt. Wann fängt das Doping im Kopf eigentlich an? Das lässt sich auf alle weiteren gesellschaftlichen Bereiche übertragen.

Wird unsere Körperkultur von Selbstoptimierung und Schönheitsidealen geformt?

Damberg: Ja, auf jeden Fall. Dadurch entsteht ein Druck, der jeden einzelnen auffordert, etwas zu tun, das über das gesunde Maß hinausgeht. Wir haben mit Professor Holger Krakowski-Roosen gesprochen, der sagt, dass sich Menschen im Freizeitsport aus einer Lust heraus bewegen. Die Lust auf Bewegung kann zu einem Bedürfnis werden und das Bedürfnis kann zu einer Sucht werden. Man spricht von einer Sucht, wenn jemand sein Sozialverhalten ändert. Die Figur, die ich im Stück „Muskelmann“ spiele, wird ihre Familie vernachlässigen.

de la Chevallerie: Es gab immer Schönheitsideale. Problematisch wird es, wenn man Schönheitsideale nicht mehr erreichen kann, weil sie in unserem digitalen Zeitalter manipuliert worden sind. Mit dem Programm Photoshop werden die Taillen der Models schmal gemacht. Früher hatte man ein Idol, da wusste man, der hat es gemacht und geschafft. Man kann dabei auch ein Suchtverhalten entwickeln. Aber wenn man das Ideal gar nicht erreichen kann, weil es durch technische Hilfsmittel verändert wurde, habe ich ein Problem.

Damberg: Ich habe einen Bauch. Kann ich als Manager noch in einer Chefetage sitzen? Und der Jugendwahn. Man muss jung und fit sein.

de la Chevallerie: Wenn Hollywoodstars nach einer Schwangerschaft wieder in der Öffentlichkeit zu sehen sind, haben sie Top-Figuren. Das liegt nicht nur an einem immens teuren Personal-Trainer sondern daran, dass die Fotos alle manipuliert sind. Zwei Monate nach einer Geburt kann keine Frau top trainiert sein und top aussehen. Man hat ganz andere Sorgen. Wie geht es mit dem Stillen, wie kann ich nachts schlafen? Junge Mütter laufen Gefahr, in eine Depression zu verfallen. Das ist ein Problem.

Wie kann das Theaterspiel den definierten Raum des Fitnessstudios nutzen?

de la Chevallerie: Wenn wir im Fitnessstudio spielen, haben wir die Chance, die Leute, die da trainieren, kommen und gucken, was machen die da. Dadurch findet ein ganz anderes Erleben statt, viel unvoreingenommener. Es ist ein theaterfernes Publikum.

Damberg: Wir spielen auch mit der Authentizitätsgrenze. Ich spiele nicht nur eine Figur im kanonischen, bürgerlichen Theatersinn. Wir liefern uns auch aus. Ich bin der Performer Matthias, der sich einer Situation ausliefert, wo er an die Grenzen geht, wo er etwas von sich preisgibt und nicht mehr unterscheiden kann, spricht er als Figur oder spricht er als Performer. Wenn ich mir ehrliche Fragen stelle, stellt sie sich der Zuschauer auch.

Kann das Schauspiel am authentischen Ort konkreter werden?

de la Chevallerie: Ja, auf jeden Fall.

Damberg: Absolut. Wir treiben uns an. Und der Schweiß ist echt, kein Theaterschweiß.

Welchen Erkenntnisgewinn soll die szenische Arbeit für die Fitnessproblematik bringen? Warum szenisch?

de la Chevallerie: Theater ist unser Medium. Wenn wir Musiker wären, würden wir Songs schreiben. Theater und Bewegung ist unsere Sprache. Bei Theater ist viel vereint.

Damberg: Mit Publikum – das Publikum geht an den Theaterort und wir können eine größere Betroffenheit erzeugen, es stark mit einbeziehen, es beteiligen, Fragen stellen.

Ist „Muskelmann“ eine Form von Zielgruppentheater? Man geht zu den Leuten raus aus dem Theaterhaus, wie in der Tradition des Straßentheaters?

de la Chevallerie: Wir definieren als Zielgruppe nicht nur Muskelmänner. Es geht in dem Stück darum, wie kann ich den Erwartungen, die an mich gestellt werden, standhalten? Das ist die zentrale Frage des Stücks. Durch die Tradition des Straßentheaters kommt man natürlich an die Leute heran, die man erreichen möchte. Auch Jugendliche, wir spielen vor Schulklassen.

Damberg: Es gibt kein Laufpublikum. Da ist Straßentheater radikaler. Aber bei der Akquise, wenn ich Flyer verteile, spreche ich Leute an, die kein Theaterpublikum sind. Ich sage, hier, es geht ums Thema, es geht um Sport, das geht dich doch was an, und im dritten Satz sage ich, Theater. Wenn ich mit Theater anfangen würde... Es ist einfach so, die Schnittmenge zwischen Sport und Theater ist relativ klein.

Wie wichtig sind die externen Partner und Geldgeber?

Damberg: Sehr wichtig, weil die Stadt Hamm kein Geld für freie Gruppen hat. Wichtig ist die Kooperation mit der Hochschule Hamm-Lippstadt. Sie stellen den Spielraum. Das ist ein Geldwert und damit können wir zum Land gehen und noch andere Anträge stellen. Der kulturelle Geldgeber ist die Kulturregion Hellweg. Da gefiel die Kooperation mit der HSHL und das wird in der Region in Spielstätten gehen, die noch nicht bespielt wurden.

de la Chevallerie: Ohne Förderung wären solche Projekte nicht möglich. Die Eintrittsgelder sind ein ganz geringer Prozentsatz.

Bei dem Projekt „Steh Deinen Mann“ über Homosexualität im Fußball hatten Sie mit Vereinen weniger gute Erfahrungen gemacht. Wie ist das bei den Betreibern von Fitnessstudios?

Damberg: Das ist, glaube ich, Ihr alter Stand, bevor wir beim FC Schalke und Borussia Dortmund gespielt haben...

de la Chevallerie: Tendenziell ist das richtig. Es gibt zwar Vereine, die sich geöffnet haben, aber die kleinen Vereine wollen das Thema Homosexualität nicht. Wir haben es leider nicht geschafft, die Welt zu verändern.

Damberg: Die Studiobetreiber haben offene Ohren, das Interesse ist groß. Aber wir kosten ja auch nichts. Die freuen sich auf Events.

„Muskelmann“ basiert auf dem Buch „Muskelmacher“ von Jörg Börjessons, geht aber über das Thema Doping letztlich weit hinaus.

Autor des Stücktextes ist Erpho Bell. Regie führt Reimar de la Chevallerie. Mit Matthias Damberg spielt de la Chevallerie auf der Bühne zusammen.

Am 26., 27., 28. Mai, jeweils 19.30 Uhr im Bewegungsraum Ina Menne im Gesundheitscenter des Maximare, Jürgen-Graef-Allee 2, 59065 Hamm

Weitere Termine: 28. 9. im Berufskolleg, Beckum; 29.9. Team Fitness, Unna, 30. 9. Aktiv Gesundheit, Unna.

8. 10. Aktivita Studio, Hamm; 10. 10. Energeticum, Lippstadt; 11. 10. Kath. Hochschule, Paderborn

www.treibkraft-

theaterinterventionen.de

Förderer: Kulturregion Hellweg (MFKJKS, Land NRW), Kulturstiftung der Sparkasse Hamm u.a.

Kooperationspartner: Hochschule Hamm Lippstadt (HSHL)

Quelle: wa.de

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