Jochen Stenschke im Stadtmuseum Beckum

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Vision zu Gregor Samsa: Jochen Stenschkes Bild „Gregors Stuhl“ (2016), zu sehen in Beckum.

BECKUM - Das Gehirn ist prall und schwarz. Wie ein im Schlaf eingerolltes Tier liegt es im Zentrum des Bildes, perspektivische Linien deuten Raum an. Das Gemälde „Hirnclaque I“ (2010) hat etwas Beunruhigendes. Es gehört zur Ausstellung „volatile memory“ (Flüchtige Erinnerung) im Stadtmuseum Beckum. Zu sehen sind rund 70 überwiegend aktuelle Gemälde, Zeichnungen und Objekte des in Berlin und Mülheim/ Ruhr lebenden Künstlers Jochen Stenschke.

Das Gehirn und andere Organe tauchen in vielen Bildern auf. „(über) Bande 3“ (2013) wirkt wie ein aufgeschnittenes Hirn auf einem Platzdeckchen, „Puls“ (2015) ist eine abstrakt-düstere Komposition aus dunkelblauem Herz, Kästen und Linien und zwei Mensch-ärgere-dich-nicht-Püppchen. Nur der gelbe Haken erscheint als positiver Impuls.

Stenschkes Arbeiten thematisieren die Flüchtig- und Zufälligkeit von visuellen Informationen. So widmen sich die kleinformatigen Zeichnungen der Serie „rolling paper brands“ (2013) banalen Momentaufnahmen. Eine Skizze erinnert an Formationen von Zugvögeln, eine andere an Steine am Strand. Eine Zeichnung zeigt Strukturen von Blättern, darunter ist notiert „Potentialität der Umstände nutzen“.

Alles scheint bedeutungsschwer und gleichzeitig floskelhaft und nichtssagend. Dazu passen die hieroglyphenartigen Figuren über einem Dreieck. Sofort wirkt die Form nicht mehr mathematisch, sondern erinnert an die ägyptischen Pyramiden.

Der 1959 in Marl geborene Künstler, seit 2008 Professor für Bildende Kunst an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg, spielt mit vordergründig informativen Bildinhalten. Fundstücke wie Flugtickets, Kalenderblätter oder Rechnungen werden zum Bildträger und gaukeln Biografisches vor.

Die Komposition aus Linien und einem Kreis ist etwa auf ein Ticket der Fluglinie Qatar gemalt, ausgestellt auf „Mr Joachim (sic!) Stenschke“. Eine Art Tagebuchnotiz?

Eher nicht, denn im nächsten Raum werden Arbeiten von „Freitag & Gregor“ präsentiert. Fiktive Künstlerpersönlichkeiten, zusammengesetzt aus Daniel Defoes literarischer Figur Freitag und Kafkas Gregor Samsa, die Stenschke als Alter Egos nutzt. Die beiden scheinen viel herumzukommen, ihre großformatigen Collagen sind gespickt mit Fahrscheinen, Quittungen und Eintrittskarten. Im Bild „Keep calm and breathe“ (2016) gruppieren sich diese Fundstücke um einen großen Ventilator, der wie ein aufgespießtes Gehirn aussieht. Wahllos flattern Erinnerungsstücke durch den Raum und strahlen in alle Richtungen.

Ein anderes Bild zeigt „Gregors Stuhl“ (2016): drei schlichte grüne Linien vor einer rötlich gekästelten Wand. Links in der Ecke ist eine Collage aus asiatisch wirkenden Mustern. Möglicherweise hält sich Gregor gerade in Asien auf. Dafür spräche auch die Arbeit „versatile memory“ (2016). „Welcome to Goa“ verkündet ein aufmontierter Zettel. Ein Stück höher: „Dear guest, have a nice stay“. Ein exotisch aussehendes Schokoladenpapier, ein abgerissenes Blatt mit Datum (19.02.2015), dazwischen Formen wie Gehirne. Stenschkes Werke hinterfragen die angeblichen Fakten und subjektiven Erinnerungsfetzen.

Marion Gay

Bis 14. Mai; di – fr/so 9.30 – 12.30 und 15 – 17 Uhr, sa 15 – 17 Uhr; Tel. 02521/ 29264

www.beckum.de

Quelle: wa.de

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