Johan Simons inszeniert bei der Ruhrtriennale „Die Fremden“

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Texte, Töne, Bilder: Szene aus „Die Fremden“ mit Pierre Bokma, Benny Claessens,, Sandra Hüller (vorn), dem Ensemble Asko/Schönberg und dem Film von Aernout Mik.

MARL - Schon dieser Ort hat viel zu erzählen. In der Kohlenmischhalle der Zeche Auguste Victoria liegen noch Steine und Kohlenbrocken im schwarzen Staub. Das Theaterpublikum fühlt sich hier gewiss fremd, wo die harte Arbeit noch gegenwärtig ist. Erst vor einem halben Jahr wurde die vorletzte Zeche, ganz im Norden des Ruhrgebiets, stillgelegt. Der mächtige Rücklader, der die ganze Breite der riesigen Halle einnimmt, ist noch funktionstüchtig, und folgerichtig hat die hausgroße Maschine einen Auftritt in „Die Fremden“, einer Musiktheater-Kreation der Ruhrtriennale.

Es ist eine Prestigeproduktion des Festivals. Zur Premiere kam Bundespräsident Joachim Gauck, der mit Beifall empfangen wurde.

Intendant Johan Simons hat sich viel vorgenommen für diesen Abend. Schon die Vorlage, Kamel Daouds Roman „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ überblendet zwei Geschichten. Der algerische Schriftsteller spiegelt den Roman des französischen Autors Albert Camus, „Der Fremde“, in die Gegenwart. Der Held Meursault, ein Franzose in Algerien, wird aus exsistenziellem Überdruss zum Mörder. Sein Opfer? Ein namenloser „Araber“. Daoud kehrt die Perspektive um: Das Opfer, das Meursault rein zufällig wählte, bekommt einen Namen: Moussa. Und sein Bruder Haroun wird zur Stimme der Kolonialisierten, zeigt die Folgen, die der Mord hinterließ. Haroun wird so sehr zum Spiegelbild des Mörders, dass er selbst einen Menschen umbringt, natürlich einen Franzosen. Selbst in der sinnlosen Gewalt kommen Europäer und Araber so auf Augenhöhe. Camus‘ Text kommt in Daouds Buch in der Hand der französischen Wissenschaftlerin Meriem, die Moussas Geschichte erkunden will, 50 Jahre später. Und der alte Haroun verliebt sich in sie.

Das ist schon auf dem Papier eine komplizierte Angelegenheit, die man vielleicht vereinfachen sollte, wenn man sie auf die Bühne bringt. Johan Simons geht den entgegengesetzten Weg, lädt die Erzählung noch um zusätzliche Handlungsebenen auf. Er nimmt in sein Musiktheater die Probleme der Migration hinein und setzt einen Akzent auf die Religionskritik. Das fabelhafte Ensemble Asko/Schönberg unter Reinbert de Leeuw interpretiert drei Kompositionen der musikalischen Avantgarde, Teile aus Mauricio Kagels „Die Stücke der Windrose“, das Kammerkonzert von György Ligeti und ein Vokalstück von Claude Vivier, „Bouchara“. Gerade die beiden großen Instrumentalwerke formen eine Art Soundtrack, einen Hintergrund für die großen Textpartien. Dabei kommen die sinnlichen Qualitäten durchaus zur Geltung, zu Kagels Klängen tanzen die fünf Schauspieler. Dissonanzen hören sich leichter an, wenn sie an Gefühlswerte gekoppelt werden.

Aber nicht genug der Collage, der niederländische Künstler Aernout Mik schuf noch einen Film mit einer weiteren Bedeutungsebene. Gerade die Migrationsproblematik, die Frage, was Fremdheit bedeutet, wird auf der Leinwand beantwortet. Mik filmte Szenen aus einem Auffanglager für Flüchtlinge in der Kohlenmischhalle. Die Migranten werden dabei von mitteleuropäisch aussehenden Darstellern verkörpert, die Uniformierten sind dunkelhäutig, eine Frau trägt Kopftuch, während sie ausgefüllte Anträge entgegennimmt und prüft. Im ersten Teil hat Mik historische Filmschnipsel aus der Kolonialzeit und anderes Material genommen, das Daouds Text gleichsam eine zweite Stimme unterlegt. Da sieht man ein Kind in Cowboykostüm, Urlauber, die eine Sanddüne runterrollen. Aber auch Soldaten, die einem gefangenen Einheimischen den Turban anheben, ein Scherz nur, aber zugleich ein Signal, dass einer über den anderen verfügt.

Gegen diesen ständigen Informationsstrom müssen nun die fünf vorzüglichen Darsteller anspielen, unter ihnen Sandra Hüller, die gerade erst im Erfolgsfilm „Toni Erdmann“ Furore machte. Unter der Leinwand im Autokinoformat, viele Meter entfernt von den Zuschauern, schrumpfen sie zu insektenkleinen Figürchen, die irgendwie herumzappeln. Ab und zu laufen sie aus der Tiefe des Raumes nach vorn. Sie interagieren selten. Einmal gesteht Benny Claessens als Haroun Sandra Hüller als Meriem seine Liebe, schmiegt sich an sie, und weil er zuvor ausgiebig im Kohlenstaub gewühlt hat, färben seine Hände auf ihrem weißen Kleid ab. Das berührt, aber es bleibt ein Moment. Meistens rezitieren sie in einer Art konzertanten Textaufführung. Kraft hat das in proklamatorischen Augenblicken wie den flammenden Attacken auf Religionen. Aber sonst rauscht es im Strom der allzuvielen Informationen mit.

Simons fordert den Zuschauern ein dauerndes Multitasking zwischen Livespiel und Film, Text und Musik ab. Der Klarheit tut das nicht gut, erst recht nicht, wenn man politisch aufklären will. Das Gesamtkunstwerk scheitert in der Überanstrengung. Großer Beifall, den sich die fabelhaften Akteure allemal verdient haben.

8., 9., 10.9., Tel. 0221 /280 210, www.ruhrtriennale.de,

ab 21.9. im NTGent, am 26.10. im Bozar Brüssel, www.ntgent.be

Quelle: wa.de

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