John Fulljames inszeniert Gounods „Faust“ in Dortmund

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In der Pflegehölle startet das Drama: Szene aus „Faust“ in Dortmund mit Eleonore Marguerre (Marguerite), Lucian Krasznec (Faust), Karl-Heinz Lehner (Méphistophélès) und David N. Koch (alter Faust, von links)

Dortmund - Faust ist bereits in der Hölle, als Méphistophélès ihm seinen Pakt anbietet. Der alte Mann will sterben, der Leibhaftige erscheint als Satt-und-Sauber-Pflegerin, die erst einmal den Tropf wieder an Fausts Vene stöpselt und dann dessen Lage nur noch schlimmer macht: Er zeigt ihm die junge Marguerite, und gleich unterschreibt Faust den Vertrag, der ihm sofortige Jugend garantiert; abgerechnet wird später.

Regisseur John Fulljames, Co-Director des Royal Opera House London, eröffnet mit Charles Gounods „Faust“ an der Dortmunder Oper die neue Saison. Dabei verschiebt er Fausts Sehnsuchtsgrund um ein paar Grad: Der Greis überschreibt Méphistotélès seine Seele für eine zweite Chance bei Marguerite. Diesmal will er es besser machen, sie nicht schwanger sitzen lassen, sie zumindest vor dem Schafott retten. Die Höllenqualen, die ihn martern, sind Selbstvorwürfe und das schlechte Gewissen.

Diese Lesart verhakt sich hier und da im Libretto, geht aber überwiegend auf und macht die glutvolle Vehemenz des verjüngten Wissenschaftlers zusätzlich plausibel: Lucian Krasznec belebt seine Figur mit hellem, strahlendem Tenor und müheloser Kraft in den Spitzentönen („Je t’aime!“), überzeugt aber auch mit lyrischem Schmelz. Im Eingangsmonolog raut er die Lebensmüdigkeit des Alten auf, klingt gedrückt und verschattet.

Der alte Faust (ab dann verkörpert vom Schauspieler David N. Koch) sitzt meist zusammengesunken am Rand, greift sich ans Herz und stemmt sich mit letzter Kraft auf die Beine, um einzugreifen – und bleibt doch ohnmächtiger Beobachter des eigenen Schicksals, das wie ein trüber Traum an ihm vorüberzieht.

Eleonore Marguerre gibt als Marguerite eine grandiose Vorstellung. Ihre hell timbrierte Stimme profiliert zunächst ein junges Mädchen, das sich über die Entdeckung des Verliebtseins beinahe kindlich freut. In der Kerkerszene grundiert sie ihren Sopran mit abgeklärter Ergebenheit. Dabei lässt Marguerre ihre Figur so stark und aufrecht klingen, dass sie am Ende (zum österlichen Auferstehungshymnus) davonschreitet wie eine Befreite: Das Blonde, Naive, Überschwängliche, Sündhafte waren alles bloß Projektionen.

Méphistotélès ist in Dortmund mit Karl-Heinz Lehners opulentem, aber stets beweglichem Bass ebenfalls eindrucksvoll besetzt. Die Figur wird von Fulljames nicht annähernd so diabolisch verstanden wie üblich. Sie verkörpert hier die Unbarmherzigkeit einer Gesellschaft gegenüber ihren Randständigen: als rabiate Krankenschwester des hinfälligen pflegebedürftigen Faust im ersten Akt oder als zynischer Anheizer der Moralapostel-Meute im vierten Akt, die Marguerite aus dem Kreis der Anständigen ausstößt.

Die Kostüme von Julia Kornacka verorten hier den Chor (hervorragend präpariert von Manuel Pujol) mit Khaki-Uniformen und Pillbox-Hütchen in den frühen 1960er Jahren. Adrette Muttis warten mit ihren seitengescheitelten Musterkindern auf die Familienoberhäupter; die kehren heim von der Front.

Keine gute Umgebung für die schwangere Marguerite. Sie hat so oder so verloren, die Doppelmoral bietet ihr keinen Ausweg, weder als uneheliche Mutter noch als Kindsmörderin nach der Abtreibung. Fulljames breitet eine blutige Szene aus zum „Dies irae“. Die bigotte Brutalität der Masse ist Méphistotélès’ Arbeitsnachweis, aber kein Triumph.

Fulljames inszeniert die fünf Akte handwerklich routiniert und schlüssig. Die Bühne von Magdalena Gut rahmt das Geschehen mit einsamer Tristesse. Eine bühnenhohe Halle mit großen Kanalöffnungen nach oben und zu den Seiten, Rohre und Sichtbeton – eine lebensfeindliche Höhle, in der sich Faust als Forscher von den Menschen und seinen Gewissensplagen zurückgezogen hatte.

Gegen das kahle Gewölbe setzen die Dortmunder Philharmoniker unter Motonori Kobayashi runden, transparenten Schönklang: schwelgerische Walzer, straffe Choräle, elegische Streicherseligkeit bei der Begegnung von Faust und Marguerite, deren Romantik allerdings vom Bühnenbild auf dem Kopf gestellt wird: Ein Baum wird mit der Krone nach unten hinabgelassen.

21., 30. September; 2., 9., 15. 22. Oktober

Telefon: 0231 / 502 72 22

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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