Die Julia Stoschek Collection zeigt in Berlin „Welt am Draht“

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Zwei Füchse im Zentrum, eine Tiermutation darüber: Das Bild ist ein Screenshot der virtuellen Echtzeitanimation „Emissary Forks at Perfection“ (2015) von Ian Cheng, die die Julia Stoschek Collection in Berlin ausstellt.

BERLIN - Die Kunstsammlerin Julia Stoschek hat in Berlin eine Dependance ihres Düsseldorfer Ausstellungshauses eröffnet. Die Julia Stoschek Collection (JSC) im ehemaligen tschechoslowakischen Kulturinstitut an der Leipziger Straße soll als eine Art Satellit wirken und die Sammlung zur Videokunst, oft auch als zeitbasierte Kunst bezeichnet, dem Publikum in Berlin-Mitte präsentieren. Was kann die Sammlung aus dem gediegenen Düsseldorf-Oberkassel der Berliner Szene bieten?

Zur Premiere in Berlin präsentiert die JSC die Ausstellung „Welt am Draht“ als Teil der 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Der Titel der Schau leitet sich vom gleichnamigen Fernsehfilm Rainer Werner Fassbinders von 1973 ab. Darin geht es um den Großrechner Simulacron 1, der in der Lage ist, einen Ausschnitt der Realität mitsamt ihren Bewohnern perfekt zu simulieren. Eine düstere Zukunftsvision oder längst schon Realität? Die 38 Werke der Schau kreisen um eben diese Frage. Sie loten die Abgründe und Absurditäten, aber auch die Möglichkeiten der Digitalisierung aus.

Neben zahlreichen kritischen und entlarvenden Arbeiten, hinterlässt das vielschichtige Video „Palisades in Palisades“ (2014) der US-Künstlerin Rachel Rose einen nachhaltigen Eindruck. Ausgangspunkt sind die Kämpfe im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in den Palisades, einer Landschaftskette entlang des Hudson Rivers. Aus einem komplexen Gefüge aus verschiedenartigen Bildern, Ton und Text entfaltet sich eine poetische Rückschau auf die historischen Ereignisse. Sie führt die Zeiten übergreifende Beziehung von Menschen, Orten und Erinnerungen bestechend vor Augen – und zeigt, welche künstlerischen Möglichkeiten die Videotechnik eröffnet.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein Werk des US-Künstlers Ian Cheng. Die virtuelle Echtzeitanimation „Emissary Forks at Perfection“ (2015) erinnert in ihrer Optik an ein 3D-Videospiel: Landschaften verformen sich, Blumen blühen auf, explodieren augenscheinlich, ein Hund spaziert vorbei. Die Entwicklung dieses unendlichen Films wird autonom und fortwährend von Algorithmen berechnet; Bild und Klang verformen sich live. Ein Eingriff des Künstlers ist nicht mehr möglich, auch wenn die Abläufe auf der Leinwand dann vielleicht doch nicht seiner Vorstellung entsprechen.

Mit der Projektion will Cheng den Evolutionsprozess für Betrachter erfahrbar machen: In einer Art „neurologischer Gymnastik“ sollen sie sich an fortwährenden Wandel sowie an Zustände der Verwirrung, Beklemmung und kognitiven Dissonanz gewöhnen. Die Natur wird zum Live-Simulation.

Chengs Werk wird im Kinosaal des Hauses präsentiert. Es ist ein Rückzugsort inmitten der Schau, die lebendig und typisch berlinerisch szenig, aber auch unruhig wirkt, zumal in einigen Räumen mehrere Werke augenscheinlich um die Aufmerksamkeit der zahlreichen Besucher konkurrieren.

Den architektonischen Rahmen hat die Berliner Architektin Johanna Meyer-Grobrügge geschaffen. Helle und dunkle Räume strukturieren die Ausstellung. Ein vor- und zurückspringender weißer Vorhang schirmt das Privatmuseum von der Hauptstraße mit ihrer in die Jahre gekommenen Ost-Architektur ab. Die Bauweise und der ursprüngliche Charakter des ehemaligen Kulturinstituts scheinen jedoch durch.

Die JSC ist aktuell nur für die Dauer der Ausstellung in Berlin vertreten. Eine Fortsetzung des Projektes ist schon geplant. Voraussichtlich im Februar 2017 soll das Ausstellungsprogramm in der Hauptstadt mit einer neuen Schau weitergeführt werden.

Julia Stoschek empfinde es „als großes Glück“, sowohl im bürgerlichen Düsseldorf als auch im experimentellen Berlin vertreten zu sein, erklärt ihre Sprecherin: „Wir möchte jetzt auch dort präsent sein, wo die meisten Interessenten für unser aktuelles Programm sind. Das ist nun mal Berlin.“

Annette Kiehl

Die Schau

Ein Kunstinstitut aus NRW zeigt in einer Dependance in Berlin aktuelle Videos und eine Projektion im Kinosaal des neuen Ausstellungsorts.

Welt am Draht in der Julia Stoschek Collection Berlin, Leipziger Str. 60; Bis 18. September; do–so 14 – 20 Uhr; Tel. 030/921 06 2460; www.jsc.berlin.de

Die Ausstellung findet im Rahmen der 9. Berliner Biennale für zeitgenössische Kunst statt, bis 18. 9., bb9.berlinbiennale.de

Die nächste Schau der JSC in Düsseldorf heißt Number Thirteen: Hito Steyerl-Factory of the Sun, ab 13. Oktober.

Quelle: wa.de

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