Klassiksommer startet auf Bergwerk Ost in Hamm

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Frank Beermann dirigiert die Nordwestdeutsche Philharmonie zur Festivaleröffnung in Hamm.

Hamm  - Eine der schönsten Angewohnheiten, die man von den Briten lernen kann, ist der absolute Stoizismus im Angesicht von miesem Wetter. Das quasibritische Motto „Wir spielen, egal, wie das Wetter ist“, hatten die Organisatoren des Klassiksommers ausgegeben: Er wurde am Samstag zum ersten Mal open air eröffnet mit einem Konzert, das offen war für Flaneure, Platzwechsler, Neugierige.

Das erste, traditionell große sinfonische Konzert des Festivals war in die Nacht der Industriekultur eingebettet, die in Hamm wiederum zum ersten Mal das Bergwerk Ost für Besucher öffnete, nachdem die Zeche vor sechs Jahren geschlossen worden war.

Das Publikum saß in Plastikponchos knisternd dicht an dicht, Regenschirme erhoben sich wie Pilze im nassen Wald, während ihre Besitzer versuchten, darunter ihre Weingläser vor Verwässerung zu schützen. Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford begannen den Abend mit Strawinskys „Feuervogel“-Suite, nach Wandel- und Nachschubpausen folgten Tschaikowskys 1. Klavierkonzert und seine 5. Sinfonie. 

Beermann als künstlerischer Leiter des Klassiksommers blieb seiner romantischen Programmatik treu. Der romantische Schönklang war elektronisch verstärkt, die Abmischung funktionierte ordentlich, so dass das Publikum, trotz der Luftfeuchtigkeit, die den Instrumenten zusetzte, ein schönes Klangerlebnis hatte, auch hinten vor der Hauptverwaltung des Bergwerks, wo bis zum Schluss viele Gäste stehend zuhörten.

Der „Feuervogel“ fiel leider ins Wasser. Während der Berceuse begann es zu schütten, Wasserplatscher vom Dach der Orchesterbühne punktierten die Musik, aber bis dahin hatten die Zuschauer einen gelassen, mit langem Atem und, wenn nötig, Attacke dirigierenden Beermann erlebt.

Das Tschaikowsky-Konzert und die Sinfonie passten genau in eine Regenpause. Der Pianist Martin Stadtfeld ist mehrfach beim Hammer Klassiksommer zu Gast gewesen. Den Tschaikowsky spielt er introvertiert bis zur Kühle. Stadtfeld ist kein Mann der Pranke. Er verweigert sich der russischen Schule mit ihrem Bravado, der auftrumpfenden Virtuosität. Stattdessen bietet er einen grüblerischen Ansatz, insbesondere im Kopfsatz mit der berühmten Eingangsfanfare. Die langen Solostellen, in denen das Klavier sich ausspricht, führt er gezielt in die Introvertiertheit. Wo ihm Attacke abverlangt wird, führt er sie bündig und ohne große Geste aus. Die berühmten Passagen mit dem Thema des Satzes spielt er marcato, um sich weitmöglichst von virtuosem Brio fernzuhalten. Das geht allerdings auf Kosten des Melos. Im zweiten Satz klöppelt Stadtfeld seinen Part wie ein Silbergespinst. Der dritte Satz profitiert von einem feinperligen Musizieren Stadtfelds, einer aktiveren Dynamik, die auch dem Orchester eher liegt. Eine Zugabe gab Stadtfeld nicht.

Mit Tschaikowskys Fünfter zeigten Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie ihren beim Klassiksommer regelmäßig bewiesenen üppig-schönen, großromantischen Klang. Beermann dirigierte eine klangschöne Fünfte, mit wehmütig-süßem Melos, einer heiter-aufgeräumt federnden Valse, spannungsvoll bis ins brodelnde Finale. (www.klassiksommer.de)

Quelle: wa.de

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