Die Kunstsammlung NRW würdigt Agnes Martin

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Das Blau ist ausnahmsweise kräftig: „Untitled“ (2002) von Agnes Martin.

DÜSSELDORF - Agnes Martins Gemälde kommen leise daher. Ihr Bild „Untitled #5“ von 1998 ist quadratisch mit einer Seitenlänge von ungefähr 152 cm. Es besteht aus sieben horizontalen Streifen, vier blauen, jeweils zwei roten und gelben. Zwischen jedem Streifen steht eine graue, mit dem Bleistift gezogene Linie. Aber um das zu bemerken, muss man ganz genau hinschauen.

Das Bild ist in der Kunstsammlung NRW K20 in Düsseldorf zu sehen. Die Ausstellung „Agnes Martin“ ist die erste Retrospektive in Deutschland seit 1991 (da zeigte das Westfälische Landesmuseum in Münster ihre Werke). Die Kooperation mit der Tate Modern in London, dem Los Angeles County Museum of Art und dem Guggenheim Museum New York würdigt eine Künstlerin, die in ihrer Heimat eine Klassikerin, hierzulande ein Fall für Fachleute ist. Was die großartige Übersicht mit rund 140 Werken von den späten 1940er Jahren bis in ihr Todesjahr 2004 hoffentlich ändert.

Geboren wurde Agnes Martin 1912 in Kanada. Viel ist aus ihrem Leben nicht bekannt. Ihr Vater starb, als sie zwei Jahre alt war. Ihre Mutter zog vier Kinder allein auf. Agnes war eine begabte Schwimmerin, 1928 für die Olympiamannschaft qualifiziert, nahm aber nicht teil. 1931 zog sie in die USA zu ihrer Schwester. Ihre sportlichen Leistungen brachten ihr ein Stipendium ein. Sie wurde Lehrerin, studierte und malte. Als ihr die Galeristin Betty Parsons eine Vertretung anbot, zog sie nach New York.

Wenig wurde gesprochen über ihre Homosexualität und über ihre psychische Erkrankung. Seit 1962 litt sie an Schüben von Schizophrenie. 1967 verkaufte sie ihre Habe und zog in einem Wohnmobil durch die USA. Mit dem Malen setzte sie aus. 1968 ließ sie sich in New Mexico nieder und baute dort ein Adobehaus.

Künstlerkollegen schätzten schon früh ihr Werk. Und ihre Bilder wurden im Museum of Modern Art und im Guggenheim Museum in New York gezeigt, sie wurde 1972 zur documenta 5 in Kassel eingeladen. 1991 kamen zur Retrospektive, die durch Europa tourte, noch der Jawlensky-Preis und der Kokoschka-Preis. Eigentlich war der Weg frei für den Ruhm. Aber die scheue Künstlerin, die schon mal eine Ausstellung im Whitney-Museum absagte, weil ihr die Bedingungen nicht zusagten, passte wohl nicht in eine extrovertierte Szene. Dabei fügt sich ihr Werk ideal in den Kontext ihrer Kollegen zwischen abstraktem Expressionismus und Minimalismus. Das meditative Spätwerk zum Beispiel von Ad Reinhardt und Mark Rothko zeigt hermetische, verschlossene Tafeln, die der erste Blick geradezu als schwarz wahrnimmt.

Die Bilder von Agnes Martin sind dagegen durchflutet von Licht. Im letzten Saal ist die zwölfteilige Serie „The Islands“ (1979) zu sehen. Die quadratischen Bilder von 72 Inch (182,9 cm) Seitenlänge wirken nahezu weiß. Man muss sie lange und genau anschauen, um die Streifen zu entdecken, die die Leinwand mit einer Erinnerung an Blau anhauchen. Hier ist der aktive Betrachter gefordert, der sich die Bilder erarbeitet. Martin hat sich mit Zen-Buddhismus befasst. Sie sprach von ihrer Malerei in einem spirituellen Ton: „Sie sind Licht, Lichtheit, sie handeln vom Verschmelzen, von Formlosigkeit, vom Auflösen der Form. Vor dem Ozean würdest du nicht an Form denken. Du kannst in ihn hineingehen, wenn dir nichts entgegentritt.“

Die frühesten Arbeiten der Schau zeugen noch von Martins Auseinandersetzung mit dem abstrakten Surrealismus. Einige Werke wie „Untitled“ (um 1955) erinnern an die organischen Formen von Miró, freilich in gedeckten, erdigen, zurückgenommenen Farben. Aber davon löst sie sich schnell. Ihre Bilder greifen geometrische Formen auf wie Kreise, Ellipsen, Ovale, Rechtecke. Und um 1960 arbeitet sie mit Rastern, gestaltet die Fläche gleichmäßig. Das schließt gelegentliche Experimente nicht aus. „The Garden“ (1958) malt sie auf eine gefundene unregelmäßige Holzplanke, und sie montiert gefundene Metallobjekte darauf. Und es gibt die Skulptur „Burning Tree“ (1961) aus Holz und Metall.

Aber ihre Malerei verzichtet immer mehr auf greifbare Formen, selbst geometrische, und richtet sich auf die Über-alles-Gestaltung der Bildfläche. „The Islands“ (1961) wirkt wie ein Teppich, ein kleinteiliges Punktmuster bildet ein Quadrat auf der quadratischen Leinwand, die von einer weißen Linie gerahmt ist. Manchmal entfalten die Bilder dieser Phase visuelle Effekte, wie bei „Falling Blue“ (1963), wo die Linien in kräftigem Blau mal etwas stärker, mal dünner ausfallen, was dazu führt, dass man hinter dem Farbgewebe Schatten einer figürlichen Darstellung zu sehen meint.

Dann das Spätwerk, in dem sie die Farbe immer dünner aufträgt. Man ahnt, wie fasziniert sie von weiten, leeren, hellen Landschaften im Süden der USA war. Die Bilder wirken wie Fundstücke, die von der Sonne ausgebleicht wurden und zugleich das Licht speicherten. Ihr Farbauftrag und ihre Graphitlinien zeugen durch kleine Unregelmäßigkeiten immer von der Hand, die sie ausführte. So leben, atmen, vibrieren diese Bilder. In ihren letzten Gemälden setzte Agnes Martin neue, kräftige Farben ein.

Mit extrem reduzierten Mitteln entfaltet sie einen reichen visuellen Kosmos. Diese wunderbare Schau ist allemal eine Reise wert.

Bis 6.3.2016, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 8381 204, www.kunstsammlung.de,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 38 Euro

Quelle: wa.de

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