Das Landesmuseum für Archäologie in Herne zeigt „Schätze Vietnams“

Fein gearbeitete Schutzgottheit aus Sandstein: Die Gottheit „Narasimha“ aus der Provinz Binh Dinh ist in der Ausstellung „Schätze Vietnams“ in Herne zu sehen. - Fotos: Stiftel

HERNE - Der Löwe bleckt die Zähne, es wirkt nicht bedrohlich, mehr wie ein Lachen. Die Mähne ist in feine Locken frisiert. Die Sandsteinskulptur aus dem 12.–13. Jahrhundert diente als Säule eines Gebäudes in der vietnamesischen Cham-Kultur. Eigentlich ist es ein Mischwesen, ein Mensch mit Löwenkopf, eine Verkörperung der hinduistischen Gottheit Vishnu unter dem Namen Narasimha, die das Gebäude schützen sollte.

Zu sehen ist die rund einen Meter hohe Skulptur im Museum für Archäologie in Herne. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zeigt die Ausstellung „Schätze Vietnams“, wahrhaftig ein Großprojekt, das rund 400 archäologische Exponate von der Steinzeit bis in die Gegenwart präsentiert. Es ist die erste derartige Schau in Deutschland und die zweite überhaupt in Europa. Mehr noch: Hier sind erstmals außerhalb des asiatischen Landes Beispiele der reichen Funde zu sehen, die vietnamesische Archäologen in den letzten Jahrzehnten machten. Bislang, so Kurator und Vietnam-Experte Andreas Reinecke, wurden stets die Objekte gezeigt, die französische Forscher in der Kolonialzeit ausgruben. Neun Jahre lang haben Wissenschaftler des Landschaftsverbands und der Partnermuseen in Chemnitz und Mannheim, wo die Ausstellung im Anschluss gezeigt wird, gearbeitet. Das Projekt war überaus anspruchsvoll, gehören die Schaustücke doch zu den Nationalschätzen des Landes. Viele durften nur mit schriftlicher Genehmigung des Premierministers auf die zehntausend Kilometer weite Reise gehen.

Für die Ausstellung wurde eine eigene Architektur geschaffen, der acht Meter hohe Nachbau eines Tempels, der den Ausstellungsraum aufteilt und visuell beherrscht.

Das Land, ein 1650 Kilometer langer, aber an der schmalsten Stelle gerade 50 Kilometer breiter Küstenstreifen im Südosten Asiens, ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Der Norden war stets vom mächtigen Nachbarn China bedroht, andererseits hatten sich in der Region um die fruchtbaren Deltas des Roten Flusses und des Mekong auch mächtige Staaten gebildet wie das Cham- und das Nguyen-Reich. Die in Herne ausgestellten Schätze aus dem Nationalmuseum für die Geschichte Vietnams in Hanoi, aber auch aus vielen Provinzmuseen dokumentieren die Jahrtausende von der Steinzeit bis ins späte Mittelalter. So stehen am Anfang der Schau auch Steinbeile und andere Werkzeuge. Wobei zum Beispiel im Mekong-Delta Stein als Material rar war. Hier wäre, so Andreas Reinecke, eher von einer Bambus-Kultur zu sprechen. Grandios sind die eher grobschlächtig aussehenden Klangsteine, die zu „Lithophonen“, frühen Musikinstrumenten, aufgebaut wurden und tatsächlich helle, klare Töne erzeugen. Imposant ist das 64 cm lange Zepter aus Nephrit-Stein, Bruchstück eines noch größeren Exemplars, das als Grabbeigabe diente und davon zeugt, wie perfekt die Vietnamesen schmale Scheiben aus dem Stein schneiden konnten.

In der Region fand man nicht nur die bekannten Religionen des Daoismus, Hinduismus, Buddhismus, sondern auch ältere Naturreligionen wie den Wasserkult. Der pünktliche Regen bestimmte die Existenz der bäuerlichen Kulturen Vietnams. Der Kult hinterließ die imposanten Bronzetrommeln, von denen in Herne mehrere Beispiele zu sehen sind, darunter die größte bislang bekannte (3.–1. Jh. v. Chr.). Auf der Oberfläche sind vier Frösche zu sehen, außerdem ist das Instrument mit feinen Gravuren bedeckt, Symbole für Diesseits und Jenseits, Totemtiere wie Schlangen und Vögel. Noch heute gibt es Handwerker, die die besondere Bronzegusstechnik beherrschen – in Herne ist auch ein moderner Nachguss ausgestellt.

Optisch weniger auffällig sind die ausgebreiteten Objekte aus einem spektakulären Fund im Delta des Roten Flusses, einem Baumsarg. Reste eines Holzpaddels sind zu sehen, Gefäße, Speerspitzen, Dolche und Objekte wie eine Kelle mit einer figürlichen Verzierung, die einen Mundorgelspieler darstellt. Für Archäologen ist dieses Ensemble (300–100 v. Chr.) wie ein Lexikon des damaligen Lebens.

Auch spätere Kulturen sind mit exquisiten Objekten dokumentiert. Das wohl teuerste Schaustück ist der Siegelstempel des Kaisers Minh Mang (1802), aus der Nguyen-Dynastie. Fünf Kilogramm wiegt das nur elf Zentimeter hohe Objekt aus purem Gold. Es zeigt einen Drachen mit fünf Krallen an jeder Pranke – nur der Kaiser durfte diese Form verwenden.

Eine mittelalterliche Steinstele (1126) auf dem Rücken einer Schildkröte, einen Meter hoch, ist bedeckt mit chinesischen Schriftzeichen. Sie würdigt einen General, einen vietnamesischen Kriegshelden – und zeugt zugleich von der kulturellen Prägung durch den Nachbarn. Man sieht ebenso feine Tonmodelle von Bauwerken, Steinskulpturen und bemalte Keramik in hoher Qualität.

Ein abschließendes Ausstellungskapitel widmet sich dem europäischen Blick auf Vietnam, von einem frühen Reisebericht über Zeugnisse zum Revolutionsführer Ho Chi Minh bis zu den Boat People der 1980er Jahre, als Rupert Neudeck mit der Cap Anamur Flüchtlinge rettete, die in Deutschland mit offenen Armen aufgenommen wurden.

Bis 26.2.2017, di – fr 9 – 17, do bis 19, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02323 / 946 280,

www.vietnam-ausstellung.de, Katalog, Nünnerich-Asmus-Verlag, Mainz, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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