Lisa Nielebock inszeniert „Hiob“ nach Joseph Roths Roman in Bochum

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Verzweifelt versucht Mendel (Michael Schütz, rechts), sich mit Menuchim (Jana Schulz) zu verständigen. Szene aus Lisa Nielebocks Inszenierung von „Hiob“ am Schauspielhaus Bochum.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - In einer Reihe stehen sieben Schauspieler im Bühnenkasten. Die Leidensgeschichte des Mendel Singer aus Zuchnow beginnt in den Kammerspielen des Schauspiels Bochum als Erzählung. Reihum erzählen sie: Von der Armut im Schtetl, vom behinderten Sohn Menuchim, von den Auf- und Ausstiegswünschen der gesunden Brüder Schemarjah und Jonas.

Seit geraumer Zeit entdecken die Theater Romane für die Bühne. Joseph Roths 1930 erschienener „Hiob“ in der Dramatisierung von Koen Tachelet gehört dazu. In Bochum zeigt Lisa Nielebock, wie man solche Anleihen rechtfertigen kann. Sie deutet Roths Text unaufdringlich als Emanzipationsgeschichte. Mendel, der chassidische Dorflehrer, der mit seinen Kopeken Frau und vier Kinder ernähren muss, muss sich erst aus seinem engen, dogmatischen und letztlich menschenfeindlichen Glauben lösen, um Glück zu erleben. Davor verliert er seine zwei gesunden Söhne, seine Frau stirbt in der Fremde, seine Tochter verfällt dem Wahnsinn. Heimsuchungen wie beim biblischen Hiob, nur dass sich Mendel keiner Sünde bewusst ist. Das Ende, die wundersame Wiederkehr des kranken Sohnes, nun als erfolgreicher Musiker, ist schwer mit den vorhergegangenen Schicksalsschlägen zusammenzubringen. Eine märchenhafte Wendung, eine Utopie vielleicht.

Das Bühnenbild von Oliver Helf trägt viel zu dieser klar ausgerichteten Inszenierung bei. Die Schauspieler sind eingesperrt in einen steil ansteigenden hellen Kasten, wie Laborratten in einer Kiste. Einzig ein dunkler Hocker möbliert diesen Raum, in dem die Akteure keine Rückzugsmöglichkeit finden. In dieser Versuchsanordnung sind nun die Stationen von Mendel Singers Leben aneinander montiert. Das funktioniert auch wegen der glänzenden und spielfreudigen Schauspieler gut und wirkt nicht artifiziell. Florian Lange und Damir Avdic spielen die beiden Söhne (und weitere Rollen), und sie reifen überzeugend von raufenden Jungs zu Männern, die der geistigen Enge von Mendels Leben entkommen wollen. Xenia Snagowski ist die Schwester, die insbesondere die sinnlichen Lockungen des Lebens spürt – und wie triumphiert sie über die Kosaken, die nur für sie singen. Irene Kugler zeichnet Mendels Frau Deborah als Rebellin, die gegen seinen Fatalismus ankämpft, am Ende aber resigniert.

Michael Schütz aber ist die zentrale Figur, jener Wiedergänger des biblischen Hiob. Am Anfang zeichnet er Mendel Singer als in sich ruhenden, selbstgewissen kleinen Mann, der vom Leben nicht viel erwartet, aber alles hinnimmt. Er hat durchaus diktatorische Seiten, wenn er zum Beispiel mit knallendem Lederriemen seine ungehorsamen Söhne über die Bühne peitscht. Aber Schütz zeigt auch glaubhaft, wie der Mann mit jedem Rückschlag seine Sicherheit mehr verliert, wie er schrumpft.

In Amerika, wo er nur noch Vater seines erfolgreichen Sohnes ist, der seinen Namen zu Sam amerikanisiert hat, da taumelt er umher, während Frau und Kinder Turnschuhe und coole US-Mode tragen und sich Konsumfreuden hingeben. Das darf man getrost zu seinen größten Prüfungen zählen. Und sein resignierter Sarkasmus, mit dem er die Versprechungen des Kapitalismus nachäfft, fällt so wenig aus der Rolle wie die geradezu kindliche Leichtigkeit, die ihn nach seiner Lossagung von Gott ergreift.

Schütz unterspielt das eher und berührt so mehr, als wenn er große Gesten nähme. Er macht gar nicht viel, und doch merkt man auf beim Kernsatz in Nielebocks Inszenierung: „Wir haben alle zu wenig geliebt.“

Jana Schulz als Menuchim ist erst recht ein Erlebnis, gerade weil sie fast die ganze Zeit nicht spricht außer einigem Gelalle und dem einen Wort „Mama“, das sie freilich sehr variiert. Allein durch Körpersprache drückt sie als Opfer brüderlicher Übergriffe ihre Verletztheit aus. Sie zeigt die Macht der Musik in einer Lauschhaltung. Sie spielt auch schlimme epileptische Krämpfe. All das geschieht ebenfalls ohne Übertreibung, sozusagen natürlich, sie ist eine Abgetauchte, die man auch mit einem Kopfputz als Freiheitsstatue ausstaffiert. Und wenn sie am Ende den Deckel der Bühnenkiste hebt, die mentale Gefangenschaft mit dieser Geste aufhebt, wenn sie als erfolgreicher Künstler selbstbewusst daherkommt, dann erkennt man darin doch den früheren Menuchim wieder, das klaglose und stoische Opfer.

Zwei Menschen, die sich lange verloren hatten, finden zu sich. Ein sehr bodenständiges Wunder. Nielebock zeigt es als strenge und zugleich emotionale, berührende Bühnenparabel. Großer und lang anhaltender Beifall.

13., 27.9., 3., 14., 25.10.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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