Lüttich hat ein erneuertes Kunstmuseum: La Boverie

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Blick auf den aufgeständerten Anbau an das Museum La Boverie am Ufer der Maas.

LÜTTICH - Der Unterschied zwischen Drinnen und Draußen verschwimmt in der gigantischen Halle. An drei Seiten ist nur Glas zwischen dem Besucher und der Häuserfront am anderen Ufer des Seitenarms der Maas. Oder dem idyllischen Grün des Parks La Boverie. 21 Säulen tragen das Zelt aus Glas und Beton, das der Architekt für das neue Museum der Schönen Künste in Lüttich ersann.

Die Metropole der Wallonie, des französischsprachigen Teils von Belgien, sortiert ihre Museumslandschaft neu. Dazu gehört der Kunstpalast, der heißt wie der Park, La Boverie. Der ursprüngliche Bau wurde 1905 errichtet, als Lüttich die Weltausstellung ausrichtete. Er war schon als Museum konzipiert, die Architektur war inspiriert vom Königlichen Afrika-Museum in Tervuren, ein zweiflügliger Palast mit großen Fenstern und einer repräsentativen Treppe, die sich zum Park öffnet. Hier waren seit der Nachkriegszeit immer wieder Teile der städtischen Kunstsammlungen zu sehen, anderes war in Altstadtnähe im Museum für Wallonische Kunst ausgestellt. Zeitgemäß war die Unterscheidung nicht. So entschlossen sich die Stadtoberen 2011, ein zentrales Museum der Schönen Künste zu schaffen.

Zum Glück gab es auf der Parkinsel zwischen Kunstpalast und Ufer des Maas-Seitenarms Raum für eine Erweiterung. Denn die Kapazitäten des Gebäudes reichten für eine angemessene Präsentation der Sammlungen nicht annähernd aus. Der französische Star-Architekt Rudy Ricciotti, der unter anderem die Louvre-Dépendance in Lens, die Abteilung für islamische Kunst des Louvre in Paris und die Erweiterung des Unterlinden-Museums in Colmar plante, konzipierte die Erweiterung. Er schuf die 1200 qm messende gläserne Halle, die sich an die Rückseite des Palastes schmiegt. Vor allem aber wurde das Untergeschoss des Altbaus um anderthalb Meter abgesenkt, so dass es nun als Ausstellungsfläche zur Verfügung steht. Insgesamt verfügt das Haus über 5000 qm Ausstellungsfläche, und es deckt die Kunstgeschichte vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart ab. 27,6 Millionen Euro kostete der Umbau.

Die Lütticher Sammlung begann mit Bürgerstiftungen zum Beispiel des Kanonikers Henri Hamal (1744–1820). 1794 hatte sich Frankreich die Territorien Belgiens einverleibt, und als der erste Konsul der Republik 1804 Lüttich einen Besuch abstattete, ließ er ein Souvenir da, das Bildnis Napoleon Bonapartes von Dominique Ingres. Aber die Stadt wusste auch Gelegenheiten zu ergreifen: Als 1939 die Nazis die deutschen Museen geplündert hatten, verschleuderten sie in einer Auktion in Luzern Meisterwerke der klassischen Moderne. Eine Delegation aus Lüttich erwarb für 126 040 Franken neun Gemälde von Liebermann, Gauguin, Chagall, Franz Marc und das Porträt der Familie Soler von Picasso (1903), das vorher im Kölner Wallraf-Richartz-Museum hing. Es blieb noch Geld übrig, das für Ankäufe in Paris verwendet wurde. Aber Lüttich war auch Schauplatz der letzten Ausstellung der Gruppe Cobra im Herbst 1951, und die Sammlung umfasst auch ein bedeutendes Konvolut von Arbeiten von Karel Appel, Corneille, Constant und anderen.

Lüttich war als Bischofssitz ein attraktiver Arbeitsplatz für Künstler, angefangen vom Hofmaler Lambert Lombard, der 1537 für den Palast des Fürstbischofs Érard de la Marck Arbeiten italienischer Künstler ankaufen sollte. Er arbeitete auch als Architekt, einige seiner Bilder sind am Anfang der Dauerausstellung zu sehen. La Boverie beherbergt bedeutende Kunst, neben Gemälden auch Skulpturen und, in einer spannenden „schwarzen Galerie“, Zeichnungen von der Renaissance bis hin zu Klassikern des belgischen Comics wie Hergé („Tim und Struppi“) und Franquin („Spirou“).

Das Ausstellungsprogramm orientiert sich weniger an der Avantgarde als an populären Namen der klassischen Moderne. Es passt gut, dass das neue Haus im Park die Eröffnungsausstellung „En plein air“ zeigt. Mit dem Pariser Louvre wurde eine kuratorische Zusammenarbeit vereinbart. Das hat gewiss geholfen, die vielen Leihgaben aus den Pariser Museen wie dem Petit Palais, dem Musée Carnavalet, dem Centre Pompidou und dem Louvre zu bekommen. Die Schau bietet eine Übersicht über die Darstellung von Landschaft und Stadtraum in der Kunst, mit einem Schwerpunkt auf den letzten 200 Jahren. Von hübschen Werken der Schule von Barbizon (Corot, Daubigny) bis zu Strandszenen des Magnum-Fotografen Martin Parr spannt sich der Bogen. Interessant dabei, wie sich die Darstellung des öffentlichen Raums wandelt. Antonio Carnicerio Mancio malt 1784 den Aufstieg einer Montgolfière in Aranjuez wie ein höfisches Ereignis, mit einer Gesellschaft in förmlicher Kleidung, die fast wie in einem Ballett aussieht. 100 Jahre später schildert der belgische Künstler Henri Evenepoel Paare beim Sonntagsspaziergang im Bois de Boulogne schon sehr viel ungezwungener, auch wenn sie opulente Kleider und Uniformen tragen. In intimer Nahsicht zeigt Pierre Bonnard Mädchen am Strand (zwischen 1926–1930). In thematischen Kapiteln wie Kinderspiele oder Blick durch das Fenster sind Meisterwerke von Picasso, Léger, Liebermann, Monet, Chagall und vielen anderen Künstlern zu bewundern.

Musée La Boverie in Lüttich

geöffnet di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. +32/ 4/ 221 9319,

www.laboverie.com

Ausstellung En Plein Air

bis 15. August,

Katalog (frz.) 25 Euro

Quelle: wa.de

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