Martin Duncan inszeniert Cole Porters „Kiss Me Kate“ in Dortmund

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Der Macho gibt sich sanft: Szene aus „Kiss Me Kate“ in Dortmund mit Emily Newton und Morgan Moody.

DORTMUND - Am Ende von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ kommt der Sieg des Machos Petruchio. Seine Katharina präsentiert sich als gezähmtes Kätchen, und, um offen zu sein, ich kämpfe während ihres Schlussmonologs immer gegen den starken Impuls, jemandem einen Schemel über den Kopf zu ziehen.

Nein, die „Widerspenstige“ ist auch bei ironischer Brechung keine Sternstunde der Frauenrechte. Allerdings ist sie zugegebenerweise auch immer wieder eine verlässliche Quelle für guten, alten, albernen Spaß. Cole Porters Bearbeitung „Kiss me, Kate“ spielt mit der Tradition des Stücks im Stück. An der Oper Dortmund ist „Kiss me, Kate“ in einer knalligen Inszenierung des Londoner Gastregisseurs Martin Duncan zu sehen.

In „Kiss me, Kate“ muss die Frau doppelt gebändigt werden: als Schauspielerin Lilli, die ihren Regisseur Fred Graham zwar herzlich liebt, aber nicht gerade gefügig in seine Arme sinkt. Und als ihre Bühnenpersönlichkeit, denn Fred und Lilli spielen Shakespeares Kätchen und Petruchio als Spiel im Spiel.

Duncan hat aus dem Dortmunder Ensemble zwei starke Hauptdarsteller ausgewählt. Emily Newton ist eine blonde, energische, zickige und zugleich gefühlvolle Widerspenstige, die Fred überwältigt ihr „So in love“ nachhaucht. Newton verleiht ihr opernhafte Durchschlagskraft, kann aber auch dreckig und gemein klingen und bringt die Schimpf-Nummer „I hate men“ zum Funkeln. Morgan Moody wirft kantigen Gesang und klotziges Gehabe ins Spiel, drückt, wenn’s sein muss, auf die Opernschmalz-Tube und hat auch die nötige körperliche Statur für die Szene, in der er Kate den Hintern versohlt – die einzig wirklich weiche Seite an ihr, die Petruchio kennenlernen will.

Die Backpfeifen-Dichte ist hoch, ebenso die Zoten-Frequenz. Natürlich muss Kate eine Banane zerquetschen, um anzuzeigen, dass sie von der Männerwelt im Allgemeinen und Petruchio im Besonderen nichts hält. Aber das passt schon.

Das Spiel kommt zwar langsam in Fahrt, aber dann folgen zweideutige Witze und handgreifliche Knalleffekte in amüsanter Dichte, während die Handlung schnell zwischen einer Dali-haft schiefen, angeschmuddelten Backstage-Kulisse und dem „mittelalterlichen Padua“ hin- und herwechselt. Zu gucken gibt es jede Menge. Das Bühnen-Padua ist eine knallfarbene Pappmaché-Welt, und die puffärmeligen Roben sehen nach „The Sound of Music“ auf Drogen aus (Bühne und Kostüme: Francis O’Connor). Ein Hofnarr hüpft durch die Szenen, der direkt aus den Technicolor-Mittelalterfilmen der 50er und 60er entsprungen sein könnte.

Während Moodys Petruchio sein verlorenes Single-Leben beklagt, tanzen hinter ihm weibliche Schatten wie Bondgirls. Newtons Kate dagegen nimmt dem Dirigenten Philipp Armbruster den Taktstock ab und reißt das dünne Holz in Stücke.

Hingucker sind die Tanzszenen (Choreografie: Nick Winston) mit klassischem Musical-Jazz und Step. Die Chorus-Girls präsentieren hohe Beine und heiße Höschen. In Zwischenszenen deuten sie als planlose Hupfdohlen an, dass die „Vorstellung in der Vorstellung“ gerade gewaltig aus dem Ruder läuft. Bei „Too Darn Hot“ fallen gar einige Klamotten. Die Männer machen derweil auf Fred Astaire. In „Marry me“, der Szene, in der die Verehrer Showgirl Lois Lane (Nedime Ince), umwerben, führen sie ein witziges Rosenadagio auf, Ballettsprünge inbegriffen.

Die wahrscheinlich meisten Lacher ernten allerdings Fritz Steinbacher und Karl Walter Sprungala als Gangster-Duo. Die beiden werden im Beziehungskrieg als Söldner rekrutiert. Steinbacher und Sprungala reden breites Österreichisch wie zwei Schwarzeneggers in Nadelstreifen: „Wir koaman zurück!“ Ihr Song „Schlag nach bei Shakespeare“ wird heftig bejubelt.

Das musikalische Level ist ordentlich, von der sexy (aber in der Mittellage schwachen) Bianca/Lois der Gastsängerin Nedime Ince bis zu Andreas Wolfram, der ebenfalls als Gast Lois‘ Verehrer Bill Calhoun gibt. Die Dortmunder Philharmoniker unter Philipp Armbruster machen Dampf, allerdings rumpelt es manchmal in der Abstimmung mit den Sängern. Leider gibt es Tonprobleme. Die Sänger tragen Mikrophone, deren Einsteuerung oft nicht punktgenau funktioniert.

1., 4., 9., 17., 23., 25., 30.10., 1., 14., 21.11., Tel. 0231/50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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