Gil Mehmert inszeniert Lloyd Webbers Musical „Sunset Boulevard“

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Sie träumt vom Comeback und von Joes Liebe: Szene aus dem Musical „Sunset Boulevard“ in Dortmund mit Pia Douwes (Norma Desmond) und Oliver Arno (Joe Gillis).

DORTMUND - Pia Douwes weiß, wie man Roben und extravagante Kleider trägt. Wenn sie erstmals auftritt in einer schwarzen Wolke, gesäumt von Pelz und überzogen von Goldstickerei, dann erleuchtet das die Gruft vor dem blinden Fenster auf der Bühne des Dortmunder Opernhauses. Hier erscheint eine Diva.

Insoweit hat das Theater mit dem Engagement der niederländischen Musicaldarstellerin für die Hauptrolle in „Sunset Boulevard“ einen guten Griff getan. Zumal Douwes gerade die richtige, große Stimme für pathetische Balladen hat wie „Träume aus Licht“ und „Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“. Das 1993 uraufgeführte Musical von Andrew Lloyd Webber basiert auf dem Film von Billy Wilder. Es geht um die gealterte Stummfilmdarstellerin Norma Desmond (Douwes), die reich, zurückgezogen und vergessen in ihrer Villa lebt. Der Tonfilm hat ihre Kunst überflüssig gemacht. Joe Gillis (Oliver Arno) kommt zufällig zu ihr, ein erfolgloser Schriftsteller auf der Flucht vor Schuldeneintreibern. Es kommmt zu einer fatalen Beziehung: Sie hält ihn aus, er lässt sich für den Wohlstand korrumpieren, denn „Die Rechnung zahlt die Dame“ (Songtitel). Sie hat glaubt an ein Comeback bei Paramount, aber das bleibt ein Wunschtraum. Er verliebt sich in die Drehbuchautorin Betty, mit der er abends heimlich arbeitet. Aber am Ende kommt es zu einer Katastrophe, und Joe Gillis treibt tot im Swimming Pool.

„Sunset Boulevard“ ist ein typisches Lloyd-Webber-Musical. Aus Wilders satirischer Abrechnung mit der Filmindustrie wird auf der Bühne ein sentimentales Melodram. Es fehlen einprägsame Songs. Lloyd Webber schuf eher ein durchlaufendes Musikdrama, das Dialoge rezitativhaft aneinander fügt, und manche Zeile aus Michael Kunzes deutscher Version kommt recht holprig rüber. Ursprünglich lief das Stück in Musical-Theatern, die deutsche Erstaufführung war in Niedernhausen bei Frankfurt. Inzwischen hat es die Stadttheater erreicht. In Dortmund präsentiert Regisseur Gil Mehmert eine Inszenierung, die er 2011 für die Bad Hersfelder Festspiele erarbeitet hatte.

Neu im Revier ist allerdings, dass erstmals die „große“ Version des Musicals gespielt wird, mit komplettem Orchester statt mit Sounds aus dem Computer. Und die Klangfülle, die die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung von Ingo Martin Stadtmüller erreichen, ist allerdings ein echter Mehrwert. Die großen Ensembleszenen mit den Anklängen ans Swing-Zeitalter haben Schwung und Fülle, die Silvester-Szene bei Norma mit echtem Akkordeon klingt sehr romantisch. Gesanglich lässt die Produktion wenig zu wünschen übrig, neben Douwes überzeugen bewährte Musicalkräfte wie Oliver Arno (Gillis) und Wietske van Tongeren (als Betty Schaefer). Hannes Brock singt den Max makellos, mit baritonal verschattetem Tenor. Selbst eine Nebenrolle wie Cecil B. DeMille wird von Hans Werner Bramer als glanzvolle Basspartie ausgefüllt.

Gil Mehmerts Inszenierung ist darum bemüht, die Erwartungen nicht zu enttäuschen. Er setzt vor allem auf die Tragödie der gealterten Diva, die in ihren Vorstellungen immer noch von Millionen verehrt wird. Mag sein, dass das der Hauptdarstellerin geschuldet ist. Douwes singt sehr gut, und sie versteht sich auf mitreißende Auftritte. Aber eine große Schauspielerin ist sie nicht. Was steckt nicht an komischem Potenzial in der Eingangsszene, als Normas geliebter Hausaffe gestorben ist? In Dortmund sitzt Douwes mit einem Stofftier auf der Treppe in Pietà-Pose, was unfreiwillig komisch wirkt.

Oder die wichtige Rolle des Butlers Max. Mehmert hat ja das richtige Gespür, wenn er das Geschehen in eine Art Gruselschloss versetzt (Ausstattung: Heike Meixner). Und Hannes Brock wirkt, als hätte man ihn aus der „Rocky Horror Show“ oder von der „Addams Family“ hierher gebeamt. Doch dieses Flair verflüchtigt sich schnell im bierernsten Pathos, mit dem die Handlung dann vorangetrieben wird.

Es gibt durchaus bühnenwirksame Szenen. Die Verfolgungsjagd zum Beispiel, wo Arno eine Stange mit zwei Leuchten im Kunstnebel hin- und herführt. Oder der Auftritt der Diva im Studio, als das Scheinwerferlicht auf sie fällt und alle um sie herum sich wie in Zeitlupe bewegen. Aber insgesamt ist die Produktion doch sehr bieder.

Das Musical-Publikum kommt allemal auf seine Kosten. Darauf deutet schon der große und lang anhaltende Applaus bei der Premiere hin.

16., 23., 28., 30.10., 2., 12., 18., 27.11., 10., 23., 31.12.,;

Tel. 0231/ 50 27 222,

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Quelle: wa.de

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