Der Mode- und Gesellschaftsfotograf Willy Maywald in Dortmund

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Dieses Bild definierte den „New Look“ aus Paris: Willy Maywald fotografierte das Modell von Christian Dior 1955.

DORTMUND - Die Eleganz des Modells fängt den Blick: Der Rock umspielt die Beine in weichen Falten. Die Jacke betont die Wespentaille. Hinzu kommen der extravagante, asiatisch anmutende Hut, die dunklen Handschuhe und das kräftige Make-Up. Und doch tanzt die Dame auf der Bordsteinkante, unter herbstlich kahlen Bäumen, deren Stämme und Äste dem Bild Tiefe und einen Rhythmus verleihen. Der Chic von 1955.

Zu sehen ist das Foto im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Es zeigt eine umfassende Werkschau von Willy Maywald (1907-1985). Mit mehr als 250 Aufnahmen wird einer der wichtigsten Mode- und Gesellschaftsfotografen in Paris vorgestellt. Die in Kooperation mit der Association Willy Maywald und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erarbeitete Schau will besonders die Vielseitigkeit des Künstlers herausarbeiten.

Maywald brachte in den 1950er Jahren den „New Look“ auf die Straße. Couturiers wie Christian Dior hatten in der Zeit des Wiederaufbaus die Mode erneuert. Nach einer Ära der Funktionalität und des Mangels wurde die Kleidung wieder opulent, weiblicher. Und Maywald fotografierte die Kollektionen nicht mehr in Ateliers und Innenräumen, sondern in den Parks, auf den Treppen, unter den Brücken von Paris.

Er stammt aus Kleve, wo seine Eltern eins der wichtigsten Grand Hotels betrieben. Von daher mögen ihm Kontaktfreude und Weltläufigkeit zugeflogen sein. An Werkkunstschulen lernte er die moderne Formensprache, wie sie das Bauhaus entwickelt hatte. Und 1932 ging er nach Paris, wo er schnell in der Kunstszene Freundschaften schloss. Er arbeitete in vielen Bereichen, auf der Straße, wo er das alte Paar vor dem Bistro und den Blumenverkäufer aufnahm. Er fotografierte für Modefirmen, besuchte Künstler in Ateliers, nahm eine bezaubernde Serie mit der Tänzerin Tatjana Barbakoff auf und begleitete die Weltausstellung 1937. Stimmungsvoll zeigt er einige deutsche Parisreisende, darunter den Maler Gert Wollheim, in einem Café am Montparnasse, und hinter der Gruppe schweift der Blick weiter auf die Straße, in den Stadtraum. Und er wandelt auf den Spuren der Impressionisten, fotografiert Heuhaufen, wie sie Monet malte, und Monets Seerosengarten in Giverny.

Als der Krieg ausbrach, wurde Maywald als feindlicher Ausländer interniert. Er konnte entkommen, flüchtete nach Cagnes-sur-Mer im Süden, wo sich eine Kolonie von Emigranten versammelt hatte. Nach dem Einmarsch der Deutschen musste er weiterfliehen, ihm drohte die Auslieferung an die Nazis. Er war nicht nur mit vielen Juden und Antifaschisten befreundet, sondern auch homosexuell. Im letzten Augenblick konnte er in die Schweiz entkommen. Nach 1945 besuchte er Deutschland, fotografierte auch seine zerbombte Geburtsstadt, aber er arbeitete wieder in Paris. Seine Bilder erschienen in der Vogue und in Paris Match, deutsche Leser sahen sie in Zeitschriften wie „Elegante Welt“ und „Film und Frau“.

Nach seinem Tod hinterließ er einen Fundus von 120 000 Aufnahmen, die in der Association Maywald verwahrt werden. Der Künstler lässt sich bei weitem nicht auf den Modefotografen reduzieren, auch wenn das einen wichtigen Teil seines Schaffens ausmacht. So platzierte er die edlen Roben bevorzugt auf den Treppen von Stadtpalästen, Träume aus meterweise verbauten Samt und Seide. Aber er fotografierte nicht nur die Kreationen von Dior, Cardin, Yves de Saint Laurent und anderen, er blickte auch hinter die Kulissen und zeigte, wie die Kleider den Mannequins angepasst wurden, wie Dior der Hollywoodschauspielerin Ava Gardner bei der Anprobe half. Natürlich blickt er auf die Prominenz im Publikum der Modeschauen. Grandios setzt er Marlene Dietrich bei Dior in Szene, inmitten der Zuschauer hat nur die Diva Blickkontakt mit der Kamera – und mit dem Betrachter. Seine späteren Fotos belegen, wie Mode vom Luxus zum Konsumartikel wird, indem er die Mannequins in alltägliche Situationen stellt. Witzig sind seine Aufnahmen vor Plakaten: Das Model mit dem Dior-Kleid und dem Pelzmuff scheint dem Kühlschrank einer Reklame zu entsteigen. Und die Dame mit dem Kleid von Fath entfaltet Frauenpower vor dem vierfachen Kinorebell Marlon Brando.

Hinreißend sind auch seine Künstlerporträts, ganz nah und mit verwuscheltem Haar blickt 1948 Marc Chagall in die Kamera. Fernand Léger steht inmitten seiner Gemälde von Bauarbeitern und scheint wie einer von ihnen (ca. 1950). Bei einem Besuch in Kleve fotografierte Maywald auch den jungen Bildhauer Joseph Beuys, schon mit Hut (1958). Seine Fotos plant Maywald souverän: Den Maler Rudi Baerwind nimmt er an einem engen Treppenabsatz auf, den Skizzenblock in der Hand. In einem geschickt platzierten Spiegel erblickt man die Frau, die ihm für einen Akt sitzt.

Eine der schönsten Bildserien der Schau schenkte ihm die Tänzerin Valeska Gert, die vor der Kamera eine ganze Skala von Gefühlen mimt (um 1952). Mal blickt sie lebensfroh auf, mal schlägt sie verträumt die Augen nieder.

Bis 18. September; di – so 10 – 17, do bis 20, sa 12 – 17 Uhr,

Tel. 0231 / 50 25 522, www.mkk.dortmund.de, Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 39 Euro, im Buchhandel 48 Euro

Quelle: wa.de

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