Der Modefotograf Horst P. Horst in einer Werkschau in Düsseldorf

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Ein längst ikonenhaftes Motiv der Modefotografie: Das Korsett von Detolle für Mainbocher nahm Horst 1939 auf.

DÜSSELDORF - Alles kreist um diesen rot-schwarzen Hut, der das blasse Gesicht von Muriel Maxwell krönt. Horst P. Horst hat mit Spiegeln das Modell vervielfacht, so dass neun Muriels auch einen Kreis bilden. Man merkt dieser so trickreichen wie perfekten Studioaufnahme an, dass Horst mit den Surrealisten in Verbindung stand. Was er an Schönheit und Eleganz beschwört, ist nicht real, sondern eine bizarre Fantasie.

Einen Blickfang für das Titelbild der Zeitschrift Vogue schuf Horst 1940, und das Rot von Lippen, Hut, Kleid war ein klares Kaufsignal an das gutbürgerliche Publikum in den USA. Die Aufnahme und die Zeitschrift sind in der fabelhaften Ausstellung „Horst: Photographer of Style“ im NRW-Forum Kunst und Kultur zu sehen. Das Düsseldorfer Institut übernahm die Schau exklusiv vom Londoner Victoria and Albert Museum, eine Retrospektive, die das Werk eines der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts mit 250 Aufnahmen, Filmen, Dokumenten und Skizzen aufblättert.

60 Jahre lang arbeitete Horst (1906–1999) für die von Condé Nast herausgegebene Vogue, und er schuf gleich mehrere Stile der Modefotografie. Geboren wurde er als Horst Paul Albert Bohrmann in Weissenfels. 1930 ging er nach Paris, um eine Lehre beim Architekten Le Corbusier zu absolvieren. Aber es kam anders: Er lernte George Hoyningen-Huene kennen, Cheffotograf der Vogue, für den er zunächst als Modell arbeitete. Hoyningen-Huene vermittelte ihn dann auch als Fotografen an das Blatt.

Seine Fotos kamen zunächst nicht immer gut an. Er inszenierte die Modelle in dramatischem Licht, mit Spotlights auf Details der Kleider oder Accessoires. 1937 beklagte die Chefredakteurin von Vogue, Edna Woolman Chase, dass seine Fotos nicht hell genug seien. „Wir müssen dieses Streben unserer Fotografen überwinden, alles in geheimnisvolles Dunkel zu hüllen.“ Für die Vogue nahm Horst die Kollektionen der Pariser Couturiers auf. Die Fotografien jener Zeit haben etwas Theaterhaftes. Die Kleider waren zu teuer für die Leserschaft selbst eines Blattes wie Vogue. Mode wurde inszeniert als Projektionsfläche für Fantasien. Horst verstand sich perfekt darauf. Er schuf mit wenigen erlesenen Ausstattungsstücken wie Gipsen von antiken Skulpturen, mit Tüchern und angedeutetem Mobiliar quasi-höfische Räume, in denen die Modells posierten wie Königinnen. Was Eleganz bedeutet, hier wurde es definiert. Horst hatte Modelle wie Lyra Zelensky, Lud und Lisa Fonssagrives, die diese Traumwelten verkörpern konnten.

Die Modeschöpferinnen Coco Chanel und Elsa Schiaparelli arbeiteten mit Avantgardekünstlern wie Jean Cocteau, Kees van Dongen und Salvador Dalí. So kam Horst mit dem Surrealismus in Berührung. Nun fotografierte er in Räumen, die Dalí gestaltet hatte. Er schuf surrealistische Fotokompositionen und nahm auch Kostüme auf, die Dalí für ein Ballett gestaltet hatte.

Horst schuf Ikonen der Fotogeschichte. Zum Beispiel die Rückenaufnahme eines Modells mit dem Mainbocher-Korsett (1939), bei dem das Wäschestück etwas gelockert ist und an einer Seite den Körper nicht berührt, was dem Foto eine unglaubliche erotische Intensität verleiht. Oder die sitzende Aktaufnahme einer „Odalisque“ (1943), die auf die Malerei des 19. Jahrhunderts verweist. In einem anderen Bild (1938) spielt er mit der Realität, stellt ein Modefoto von sich auf ein Bord und rahmt es mit dem Hut und dem Fächer, die das Modell auf dem Foto trägt. In der Serie „Elec-tric Beauty“ (1939) ironisiert er Auswüchse der Kosmetik, zeigt ein Modell eingespannt in Fußbad, Cremes und ein elektrisches Massagegerät. Daneben schuf Horst Porträts von Künstlern, Adligen und Schauspielern wie Marlene Dietrich, Cary Grant, Vivien Leigh, Bette Davis und anderen. Er experimentierte mit Naturaufnahmen, lichtete, inspiriert von Karl Blossfeldt, Pflanzen und Muscheln ab und collagierte Details solcher Aufnahmen zu abstrakten Mustern. Und er bereiste mit seinem Lebensgefährten Valentine Lawford den Nahen Osten, wobei Aufnahmen zum Beispiel in der Ausgrabungsstätte Persepolis entstanden. Die Schau bietet auch Beispiele des Spätwerks, wie eine Reihe von Männerakten, die Künstler wie Robert Mapplethorpe beeinflussten. Oder die Aufnahmen aus den 1960er und 1970er Jahren von Wohnungen der Reichen und Berühmten, zu denen damals Horst selbst zählte.

Sensationell sind die Farbfotos, die Horst in den 1930er und 1940er Jahren für Vogue-Cover schuf. Von diesen Bildern gab es bislang keine Abzüge. Gedruckt wurde direkt von den Dias. Für die Ausstellung wurden moderne Prints erstellt, die man neben einer Auswahl von Vogue-Ausgaben sieht. Horst popularisiert die visuellen Schocks des Surrealismus, dann wieder erzählt er Geschichten oder spielt mit der Typographie. Ein Modell im gepunkteten Kleid lässt er von vier maskierten Tänzerinnen beäugen, die den „Neid“ verkörpern (1953). Lisa Fonssagrives stellt er in einen Bilderrahmen in einem gemalten Atelier (1953), eine witzige Umkehrung von Kunst und Realität. Das Modell formt in einer anderen Ausgabe mit ihrem Körper die Buchstaben der Zeitschrift (1940). Und ein Modell im Badeanzug balanciert einen roten Wasserball auf ihren Füßen, der zum O in Vogue wird (1941). Dieser verspielte Witz wirkt bis heute unvergleichlich frisch und unterhaltsam.

Bis 22.5., mo – so 11 – 18, fr, sa bis 20 Uhr, Tel. 0211/ 89 266 90, www.nrw-forum.de, Katalog, Knesebeck Verlag, München, 45 Euro

Quelle: wa.de

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