Münster zeigt „Wilhelm Morgner und die Moderne“

Klares Motiv in Energiefeldern: Wilhelm Morgners „Mutter und Kind auf grünem Grund“ 1911, zu sehen in Münster. - Fotos: Museum

MÜNSTER - Knallorange hebt sich die hockende Mutter, die ihr Kind stillt, vom grünen Hintergrund ab. Wilhelm Morgner arbeitet in seinem Gemälde mit extremer Vereinfachung und stärkstem Kontrast. Kaum zu glauben, dass er sein Werk 1911 schuf. Es nimmt in seiner Plakativität vieles vorweg, zum Beispiel die Pop-Art.

Zu sehen ist dieses Werk in der Ausstellung „Wilhelm Morgner und die Moderne“ im Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster. Der Expressionist, 1891 in Soest geboren und 1917 an der Westfront in Flandern gefallen, ist noch immer ein Unbekannter der Moderne. Das soll anders werden. Die Kuratorinnen Tanja Pirsig-Marshall und Andrea Witte haben für die erste große Werkschau seit 1991 rund 170 Exponate zusammengestellt. Dabei werden Morgners Arbeiten mit Bildern seiner Zeitgenossen konfrontiert. Im Kontext wird die Qualität dieses westfälischen Meisters eindrucksvoll erkennbar.

Die Kunstgeschichte tat sich schwer mit ihm. Als er starb, gerade 26-jährig, da hatte er zwar Erfolge vorzuweisen. Er hatte Grafik im „Sturm“ von Herwarth Walden veröffentlicht, hatte Anerkennung bei Wassily Kandinsky und Franz Marc gefunden, die Zeichnungen von ihm in eine Wanderausstellung des Blauen Reiters aufnahmen. Das Gemälde „Lehmarbeiter“ wurde sogar 1912 in der legendären Kölner Sonderbundausstellung gezeigt. Aber anders als zum Beispiel Franz Marc und August Macke, die ähnlich jung starben, war er nie Mitglied einer Künstlergruppe. Die Kunstzentren Berlin und München hatte er besucht, aber er lebte doch meistens in Soest. Das mag bei Kunsthistorikern den Eindruck eines Autodidakten aus der Provinz geweckt haben. Dass viele seiner Bilder von den Nazis im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und vernichtet wurden, förderte den Nachruhm auch nicht. Obwohl ein stattliches Werk überliefert ist: 230 Gemälde, mehr als 2000 Bilder auf Papier. Das Landesmuseum besitzt den größten Bestand an Morgner-Werken neben dem Museum Wilhelm Morgner in Soest, dem wichtigsten Leihgeber. Andere Bilder kommen aus den USA, dem Nationalmuseum Oslo, dem Königlichen Museum für schöne Künste in Antwerpen.

Es war höchste Zeit, dieses Werk neu zu befragen. In Münster wird offenbar, wie sich Morgner mit der damaligen Avantgarde auseinandersetzte. Vincent van Gogh, dessen Werke er 1910 in Berlin erstmals sah, wurde für ihn zur Identifikationsfigur. Bis dahin hatte er recht konventionelle Landschaften gemalt. Nun arbeitete er den Motivvorrat des niederländischen Genies ab. Bauernfrauen auf dem Feld, Kartoffelbuddler, eine Brücke, Szenen mit dem Dorforiginal Schulte, einem Scherenschleifer. Mehr noch: Morgner übernahm den Farbauftrag in kräftigen Tönen und mit Pinselstrichen, die sichtbar blieben, so dass die Bildfläche vibriert vor Leben.

Morgner blieb ja nicht bei van Gogh stehen. Schon ein Selbstporträt in Anzug und Zylinder (1910) ist offensichtlich von Edvard Munchs bürgerlichen Porträts inspiriert. Er durchlief eine pointillistische Phase. Und dann abstrahierte er zunehmend. Landschaften löste er auf in große Schwünge aus Linienbündeln, wie Isobaren auf Wetterkarten. Die „Frau mit brauner Schubkarre“ (1911) bewegt sich nicht in einer realen Landschaft, sondern in einem Fluidum aus Energieströmen. Auch die scheinbar so klare Figur in „Mutter und Kind“ ist aus Linien gefügt, die sichtbar bleiben, und der grüne Grund besteht auch nicht aus massiver Farbe, sondern aus weiten Schwüngen, die sich über die Farbgrenzen des gräulich-hellen Himmels und des grünen Hügels fortsetzen.

Er erkundete die Möglichkeiten der Druckgrafik. Seine Holzschnitte zeugen von der Kenntnis der „Brücke“-Expressionisten ebenso wie seine Zeichnungen.

Die radikalsten Bilder malte Morgner 1912, in seinem wohl produktivsten Jahr. Er experimentierte in verschiedene Richtungen, vor allem aber hin zur Abstraktion. Angeregt durch die Landschaften des „Blauen Reiters“ fand Morgner zu einer Abstraktion aus Energiefeldern, die aus feingliedrigen Schraffuren zusammengesetzt sind. Seine Bilder haben sich von Motiven gelöst, heißen jetzt „Komposition“, „Ornamentale Komposition“ oder „astrale Komposition“.

Und hier liegt auch die Stärke des Ausstellungskonzepts: Arbeiten wie Kandinskys „Blick auf Murnau“ (1910), eine Landschaft an der Grenze zur freien Abstraktion, zeigen einerseits die Inspiration Morgners, aber auch, wie er diese Anregung eigenständig weiterentwickelt. Seine „Kompositionen“ gehen viel radikaler in die Flächigkeit. Und seine Arbeiten scheinen zurückzustrahlen zum Beispiel zu Marcs „Abstrakten Formen“ (1914).

Morgner hat dabei nicht nur die starke Farbigkeit und die Direktheit von Pop und Post-Pop (Keith Haring) vorweggenommen. Einige der „Ornamentalen Kompositionen“, zum Beispiel Nummer X (1912), ähneln den organischen Abstraktionen der deutschen Nachkriegskunst.

Es ist aufregend, wie sehr sich Morgner neben seinen berühmteren Zeitgenossen behauptet. Und wenn er auch nie die Chance hatte, ein geschlossenes, reifes Werk zu schaffen, ist er doch weit mehr als nur das Talent aus der Provinz.

Eröffnung heute, 20 Uhr, bis 6.3.2016, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 5907 201,www.

lwl-museum-kunst-kultur.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29 Euro

Quelle: wa.de

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