Münsters Tanztheater beeindruckt mit Toula Limnaios „If I was real“

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Auf Identitätssuche und voller Lebenswünsche: Das Tanztheater der Städtischen Bühnen Münster geht mit Modern-Dance-Techniken an die Sinnfragen des Daseins und tanzt im Kleinen Haus zu Albert Camus’ Text „Licht und Schatten“.

Münster  - Das TanztheateMünster unter Hans-Henning Paar greift regelmäßig einen der großen Trends der Tanzszene auf: vertanzte Literatur. Es gab etwa mit „Lulu“ ein großes Handlungsballett, hinzu kamen kleinere Themenabende wie „Descent“ über den Mythos von Orpheus und Eurydike. Sie erkundeten über die Stoffe aus der Literaturgeschichte das Verhältnis von Mensch und Umwelt, von Individuum und Gruppe. Das neueste Projekt, zu sehen im Kleinen Haus, bearbeitet philosophische Literatur unter der Verantwortung der Choreografin Toula Limnaios – ein namhafter Gast für Münster.

„If I was real“ übersetzt einen frühen Text von Albert Camus, „Licht und Schatten“ („L‘envers et l‘endroit“), in eine Philosophie des Körpers. Es ist wieder ein beeindruckendes Stück geworden, in dem sich der typische schnelle Modern Dance der Münsteraner, der den Tänzern mehr als eine Stunde lang die Konsistenz von Kautschuk abverlangt, ergänzt mit Gestik und Philosophie des Folkwang‘schen Tanztheaters.

Wie kleine Inseln in die Abstraktion des Tanz-Textes werden Sprech-Szenen eingestreut. Camus’ Sprache wird zu Klang, Sprache und Bewegung berühren sich. Maria Bayarri Pérez steht an einem aufgehängten Mikrophon und spricht, jemand schlägt auf ihren Brustkorb, so dass Sprache zum Silbengewitter wird. Sie mischt sich mit dem dichten Maschinen- und Synthiesoundtrack des Stücks (Ralf R. Ollertz), der das Stück wie ein Puls durchzieht und antreibt.

In einer anderen Sequenz konfrontieren die acht Tänzer das Publikum. Jeder spricht Lebenswünsche aus: ehrlicher sein, mutiger. Mehr lieben. Der Schlüssel zu dieser Stelle ist der Titel, „If I was real“. Das Original spielt mit grammatikalischen Bedeutungsverschiebungen: Man kann ihn als „Wenn ich real wäre“ verstehen, aber wenn man die korrekte englische Grammatik berücksichtigt, muss es heißen: „Falls ich real war“. Es geht um die Suche nach Sinn: Wie soll ich leben? Was verortet mich im Hier und Jetzt, in meiner Identität?

Identität setzt eine Entscheidung voraus. Das zeigt Limnaios, indem sie die Tänzer Kleidung tauschen lässt. Sie nehmen mit den Tops, Röcken und Hosen immer neue Bewegungsmuster an, die stark mit Geschlechterrollen spielen. Münster hat eine Tanztruppe, die aus starken, kompromisslosen Darstellern besteht. Die Leistung der Acht ist, sowohl körperlich als auch darstellerisch, beeindruckend, berührend und teilt sich den Zuschauern in dem kleinen Aufführungsraum direkt mit.

Überraschend ist, wie Limnaios den eingeübten Stil der Paar-Truppe zur Geltung bringt und zugleich ergänzt. Sie lässt die Tänzer in eine Reihe treten und zeigt, wie Tanz die Schmerzgrenze des Menschen erkundet. Tri Thanh Pham greift mit beiden Händen in seine Körpermitte und schnürt sich den Bauch zusammen, wie es kein Walbeinkorsett schlimmer könnte. Limnaios nutzt das als Erzählelement und zugleich als emotionales Bindemittel zum Publikum. Denn Selbsterfahrung schmerzt. Mythisch wirkt der Anfang, als Keelan Whitmore mit einer Doppelaxt Bewegungen zwischen Meditation und Martial Arts zeigt, und natürlich holt diese Stelle den Zuschauer sofort ins Geschehen hinein, denn jeder wird die Axt beobachten und sich fragen, ob sie einem nicht zu nahe kommen wird.

„If I was real“ ist kein lauter Abend. Limnaios wendet einfach die älteste philosophische Methode an: das Fragenstellen. Damit erzählt sie vom Suchen.

Die Bühne (Toula und Antonia Limnaios) ist konsequent in Weiß gehalten und enthält keine störenden Requisiten. Ein Transparentvorhang teilt den Raum in ein Davor und Dahinter. Beide Ebenen werden bespielt, sie verdeutlichen Gegensätze: nah und fern, draußen und drinnen. Videosequenzen stellen zugleich Verbindung und Distanz her, zeigen die Tänzer ganz nah und verfremden zugleich ihre Körper. Eine Sequenz begleitet das Publikum schließlich aus dem Stück hinaus: ein paar wirbelnde, atemlose Minuten lang, ein letzter Gedankenanstoß.

Edda Breski

4., 6., 21., 27. 5.; 9., 15., 29. 6.; 7.7.; Tel. 0251/59 09 100

Quelle: wa.de

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