Das Museum Abtei Liesborn zeigt die Ausstellung „Jesus reloaded“

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Der Künstler auf Distanz zur Passion: Max Beckmann schuf 1946 die Lithografie „Christus und Pilatus“, zu sehen im Museum Abtei Liesborn.

LIESBORN - Ausgezehrt und mager, die Dornenkrone auf dem Haupt, steht Jesus vor dem Betrachter. Vor ihm reckt Pontius Pilatus brutal den Unterkiefer. In seiner Lithografie von 1946 baut Max Beckmann eine raffinierte Spannung auf. Denn dem römischen Statthalter, der Christus ans Kreuz nageln ließ, lieh der Künstler die eigenen Gesichtszüge. Und geradezu arrogant blickt Pilatus an dem Erlöser vorbei. Beckmann verkündet keine Glaubensbotschaft, sondern zeigt sich in Distanz zur Religion.

Zu sehen ist das Blatt von Samstag an in der Ausstellung „Jesus reloaded“ im Museum Abtei Liesborn. Mit rund 100 Blättern von rund 30 Künstlern vor allem aus der klassischen Moderne wird das Christusbild in der Kunst des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet. Die wenigsten Werke der Schau sind im Auftrag der Kirche entstanden, wie es zuvor jahrhundertelang der Fall war. Stattdessen nutzen Künstler die überlieferten Bildmotive, um eigene Ideen zu formulieren. Die Werke stammen aus der Sammlung der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg.

Oft identifiziert sich der Künstler mit Christus, sieht sich als Verfolgten und Verkannten. So kann man es in einer Serie von Farblithografien des belgischen Malers James Ensor mit Szenen aus dem Leben Christi (1911/16) verfolgen. Ein Bild heißt „Christus vor den Kritikern“, es deutet das Motiv der Verspottung Christi um, und natürlich trägt der blutüberströmte Erlöser die Züge des Künstlers. Die Kritiker karikierte er mit roten Säufernasen, schiefen Gesichtern, stieren Blicken.

Der Impressionist Max Slevogt bannte in seinen Radierungen zu Kreuzigung und Auferstehung (1921/23) seine traumatischen Erlebnisse als Frontmaler im Ersten Weltkrieg. In der Gewalt des Blattes „Die Annagelung“ klingen die Leiden der Toten und Verwundeten nach, die Slevogt an Kriegsschauplätzen gesehen hatte.

Auch die Expressionisten der „Brücke“ zeigten sich nach dem Krieg verändert. Nachdem sie vor 1914 vor allem das freie Leben in der Natur und die Versuchungen der Großstadt dargestellt hatten, wandten sie sich nun christlichen Motiven zu. Ihren kantigen Stil freilich behielten sie. Man sehe nur die Holzschnitte, in denen Max Pechstein 1921 das Vater Unser fasste. Das Blatt „Und führe uns nicht in Versuchung“ zeigt Adam und Eva in sinnlicher Nacktheit, mit Dämonen, die von der Kunst der Südseevölker inspiriert sind. Und das „Dein ist das Reich“ zeigt eine bürgerliche Familie mit überschwänglich zum Himmel gewandten Blicken, eine Emphase, die im Barock passend war, nun aber befremdlich wirkt. Kritik beabsichtigte Pechstein wohl nicht, das Blatt zeigt seine eigene Familie. Die Gewalt der Passion Christi bot sich immer wieder als Projektionsfläche an, um die Katastrophen des Jahrhunderts zu spiegeln. Otto Dix schuf 1959/60 eine Serie von Lithografien zum Matthäus-Evangelium. Den Kindermord zu Bethlehem zeigt er als Schlächterei mit Uniformierten, in der Gefangennahme Christi tragen die römischen Legionäre moderne Stahlhelme, und in der Verspottung Christi sieht man eine Frau im Abendkleid und Adolf Hitler bei einem Christus, der Folterspuren im Gesicht hat.

Es gibt auch moderne Blätter in der Schau, eins von Pop-Künstler Robert Rauschenberg, das signierte Foto zu einer Kunstaktion von Joseph Beuys und eine Kreuzigung des US-Künstlers Keith Haring (1982). Der Chemnitzer Maler Michael Morgner verarbeitet die Trauer über den Krebstod seiner Frau in eindringlichen Arbeiten.

Eröffnung Freitag, 19 Uhr, bis 13.11., di – fr 9 - 12 und 14 – 17, sa, so 14 – 17 Uhr,

Tel. 02523 / 98 240,

www.museum-abtei-liesborn.de, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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