Museum Folkwang Essen zeigt chinesische Plakatkunst

Mit wehenden Tüchern schrieb der chinesische Gestalter Eric Chang seine Botschaft in das Plakat für ein Kulturfestival. „Sing for Gough“ (2006) ist im Museum Folkwang zu sehen. - Fotos: Museum

ESSEN - Es scheint eine ganz normale Straßenszene in Hongkong zu sein. Passanten eilen durch eine enge Straßenschlucht, und natürlich fallen die roten Tücher, die an Leinen aufgespannt sind, ins Auge. Aber dem chinesischen Betrachter verraten sie sofort, dass dieses Plakat für ein Kulturfestival wirbt, „Sing for Gough“ (2006). Denn die scheinbar so natürlich flatternden Tücher formen Schriftzeichen.

Das Plakat des Designers Eric Chen ist im Museum Folkwang in Essen zu sehen, in einer roten und einer blauen Fassung. Und es vermittelt sofort, warum die Ausstellung über aktuelle Plakat- und Buchkunst aus China ihren Titel hat: „Schriftbilder – Bilderschrift“. Die chinesische Schrift wurde aus Zeichnungen abgeleitet, und das eröffnet den Gestaltern ganz andere Möglichkeiten als die abstrakte lateinische Schrift des Westens. Einen faszinierenden Einblick in die besondere, hoch entwickelte Plakatkunst des fernöstlichen Landes erlaubt die Schau, die von René Grohnert, dem Direktor des Deutschen Plakat Museums, mit dem in Berlin lebenden chinesischen Verleger und Designer Jianping He konzipiert wurde. Rund 100 Plakate von 50 Künstlern, dazu etwa 50 Bücher sind eine Augenweide – und der erste museale Überblick überhaupt. Die Exponate stammen vorzugsweise aus dem Kulturbereich, haben aber auch politische Botschaften oder weisen auf Veranstaltungen hin.

Dabei ist das Plakat in China eine relativ junge Kunst. Unter der strengen Herrschaft des Sozialismus war Werbung nicht so gefragt, es dominierten allenfalls Propagandabotschaften. Erst 1989, als im südchinesischen Shenzhen eine Sonderwirtschaftszone eingerichtet wurde, gab es auch einen Bedarf für neue Kommunikationsformen. Es entstanden Studiengänge an Hochschulen, und man orientierte sich zunächst an westlichen Vorbildern. Plakate sind in China zudem eher in Innenräumen zu sehen als im Stadtraum, darum sind die Formate kleiner und die Gestaltung ist kleinteiliger, detaillierter.

Der offensive Einsatz von Schrift findet sich in zahlreichen Varianten. Benny Au zum Beispiel nimmt Straßenszenen und setzt in die Aufnahme einer Mauer, vor der einige Menschen hocken, das Wort „Hocker“ (2014). Freeman Lau überblendet Schriftzeichen mit Stühlen in seiner „Chairligraphy Series“ (2011). Schrift und Bild formen auf diese Weise eine Einheit, die hierzulande schwer vorstellbar ist.

Aber der westliche Einfluss ist in einigen Arbeiten immer noch präsent. Leslie Chan zum Beispiel variiert für eine Plakatserie ein berühmtes Motiv des belgischen Surrealisten René Magritte. Und so bezieht der berühmte Mann mit der Melone mal in Gasmaske Stellung gegen Luftverschmutzung, mal fordert er im Pelzmantel „Respekt vor dem Leben“, mal feiert er in knallbunten geometrischen Strukturen die Möglichkeiten der Grafik (2014/15). Und auch ein westlicher Künstler wirkt im Osten: Henry Steiner, in New York aufgewachsener Österreicher, arbeitet seit 1964 in Hongkong, und überblendete auf einem Plakat für den „Hong Kong Vienna Opera Ball“ 2008 ein Gemälde von Klimt mit einer Darstellerin der Peking Oper.

Andererseits fließen immer wieder Elemente der traditionellen chinesischen Kunst in die Gestaltung ein. Tai-Keung Kan schuf 2006 für die Olympischen Spiele in Peking Plakate, auf denen er mit ganz wenigen Linien im Stil klassischer Tuschmalerei mit drei, vier Strichen einen Bogenschützen, einen Hürdenläufer darstellt. Diese Meisterschaft der Reduktion und Konzentration ist faszinierend.

Viele Inhalte erschließen sich nur schwer, weil die Produkte, Veranstaltungen, Projekte unbekannt sind. Aber dann gibt es doch Botschaften, die global gelten. Zum Beispiel die ausnehmend schönen Plakate von Leo Lin, der die Kontinente des Globus in dem Umriss eines Koi-Karpfens aufscheinen lässt, um die Botschaft „Love Earth“ zu verkünden (2005). Und vor der Erderwärmung warnt er mit einem Plakat, auf dem ein Mensch im Wasser steht und den Kopf in den Nacken gelegt hat, um Nase und Mund an die Luft zu halten („Global Warming“, 2009). Diese Bilder versteht man auch ohne Worte.

Bis 31.7.,di – so 10 – 18 , do, fr 10 – 20 Uhr,

Tel. 0201/ 88 45 444,

www.museum-folkwang.de,

Katalog (chin./dt.) 69 Euro

Quelle: wa.de

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